Diverse elementary students reading, drawing, and playing with blocks in classroom

Inklusive Bildung in Deutschland: Ein notwendiger Aufbruch

Warum wir einen inklusiven Aufbruch brauchen

Wenn Schule krank macht

Justin (Name geändert) möchte nicht mehr zur Schule gehen. Allein der Gedanke daran, im Klassenzimmer zu sitzen, löst bei ihm Übelkeit aus. Seine Eltern müssten ihn mit erheblichem Zwang zur Bushaltestelle oder ins Auto bringen.

Warum ist das so? Justin ist hochsensibel. Lärm verursacht ihm körperlichen Schmerz, Gewalt und Ungerechtigkeit lösen Angst aus. Gleichzeitig ist er kognitiv sehr interessiert: Er denkt viel, sucht Herausforderungen und vertieft sich gern in anspruchsvolle Inhalte. So hat er sich eigenständig Französisch beigebracht, spricht und schreibt fließend und bestand erfolgreich eine externe Sprachprüfung.

Und die Schule? Dort hört er: „Du musst die gleichen Aufgaben machen wie alle anderen. Wenn du fertig bist, bekommst du Zusatzaufgaben.“ Das bedeutet für ihn, sich stundenlang mit Inhalten zu beschäftigen, die ihn nicht fordern. Er übt, was er längst beherrscht. Die Folge ist nicht Faulheit, sondern Boreout – eine Form chronischer Unterforderung mit erheblichen psychischen Folgen.

Unsichtbare Barrieren: Wenn Anpassung zur Überforderung wird

Samira (Name geändert) spricht nicht und vermeidet Blickkontakt. Sie ist Autistin. Ihre Kommunikation erfolgt schriftlich – auf einem guten sprachlichen Niveau. Dennoch erhält sie in „Mitarbeit“ die Note 5, da sie sich nicht meldet und keine mündlichen Beiträge leistet.

Als sie aufgefordert wird, vor der Klasse vorzulesen, reagiert sie mit Überforderung: Sie schreit und verlässt den Raum. Der Kinderarzt empfiehlt den Eltern den Wechsel auf eine Förderschule.

Hier wird deutlich: Nicht mangelnde Fähigkeit ist das Problem, sondern ein Setting, das ihre Kommunikationsform nicht anerkennt. Die schulischen Anforderungen sind nicht barrierearm gestaltet, sondern orientieren sich an einem engen Normverständnis von „Beteiligung“.

Lebenskompetenz ohne Passung: Einseitige Leistungsmaßstäbe

Erwin (Name geändert) wurde im Alter von fünf Jahren adoptiert, nachdem er seine ersten Lebensjahre in einem rumänischen Kinderheim verbracht hatte. Er zeigt deutliche Entwicklungsverzögerungen und hat Schwierigkeiten, sich Inhalte langfristig zu merken.

Gleichzeitig verfügt er über alltagspraktische Kompetenzen: Er kann kochen, orientiert sich im Alltag und ist sozial integriert. Er wird von seinen Mitschülern akzeptiert und erlebt sich häufig als fröhlich und zugehörig.

Dennoch empfiehlt die Förderschullehrkraft den Eltern den Schulwechsel mit der Begründung, er werde „hier keinen Abschluss erreichen“. Leistung wird hier primär über kognitive Standards definiert – andere Formen von Kompetenz und Teilhabe geraten in den Hintergrund.

Veränderte Kindheit – unveränderte Schule

Kindheit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Kinder und Jugendliche sind heute anderen, oft komplexeren psychischen Belastungen ausgesetzt. Gleichzeitig haben sich diagnostische Möglichkeiten erheblich verbessert. Viele Kinder, die heute als autistisch diagnostiziert werden, galten früher als „verhaltensauffällig“ oder „geistig behindert“ und wurden häufig exkludiert.

Das Bildungssystem jedoch hat auf diese Entwicklungen nur unzureichend reagiert. Es fehlt an Personal, multiprofessionellen Teams und einer systematischen Vorbereitung auf heterogene Lerngruppen. Auch in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte bestehen weiterhin deutliche Lücken im Bereich Inklusion und Umgang mit Vielfalt.

Strukturelle Aussonderung als scheinbare Lösung

Deutschland begegnet diesen Herausforderungen häufig mit einem strukturellen Ausweichmechanismus: Für unterschiedliche Problemlagen existieren unterschiedliche Schulformen. Wenn Anforderungen zu groß erscheinen, wird der Wechsel auf eine Förderschule empfohlen – meist mit dem Hinweis auf unzureichende Ressourcen im Regelschulsystem.

Diese Logik verstärkt jedoch das Problem: Förderschulen benötigen ihrerseits erhebliche Ressourcen, die dem allgemeinen Schulsystem entzogen werden. Es entsteht ein Kreislauf der Aussonderung.

Im europäischen Vergleich gehört Deutschland weiterhin zu den Ländern mit hohen Exklusionsquoten im Bildungssystem. Inklusive Bildung wird zwar politisch bejaht, aber strukturell nur zögerlich umgesetzt.

Inklusion als Entwicklungsauftrag

Es braucht ein ehrliches und systematisches Monitoring:

  • Welche Förderschwerpunkte und spezialisierten Angebote werden aktuell noch benötigt?
  • Wo muss konsequent in ein inklusives, personell gut ausgestattetes Regelschulsystem investiert werden?
  • Wie können individuelle Potenziale besser erkannt und gefördert werden?
  • Wie kann Schule zu einem Ort werden, der soziale Teilhabe, Toleranz und demokratische Kompetenzen stärkt?

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bleibt in Deutschland fragmentarisch. Historische Traditionen selektiver Bildung sowie aktuelle bildungspolitische Entscheidungen erschweren den notwendigen Transformationsprozess zusätzlich.

Ein leistungsfähiges Bildungssystem der Zukunft wird nicht durch stärkere Selektion entstehen, sondern durch eine konsequente Öffnung für Vielfalt. Ein inklusiver Aufbruch – in Schule und Gesellschaft – ist keine pädagogische Option, sondern eine bildungspolitische Notwendigkeit.

Literaturhinweise (Auswahl)

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2022): Bildung in Deutschland. Bielefeld: wbv.
  • Boban, I.; Hinz, A. (2019): Index für Inklusion. Weinheim: Beltz.
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021): Teilhabebericht der Bundesregierung.
  • Kuhl, P.; et al. (2020): Inklusion im deutschen Schulsystem – Entwicklungen und Befunde. Münster: Waxmann.
  • Prengel, A. (2016): Pädagogik der Vielfalt. Wiesbaden: Springer VS.
  • Speck, O. (2019): Schulische Inklusion aus heilpädagogischer Sicht. München: Ernst Reinhardt.
  • UN (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK).
  • Werning, R.; Arndt, A.-K. (2021): Inklusive Schulentwicklung in Deutschland. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Learning Analytics – die große Hoffnung?

Die Digitalisierung wird das Lernen und den Unterricht verändern. Eine wichtige Rolle wird das Konzept „Learning Analytics“ spielen. Dieser Begriff taucht immer wieder im Zusammenhang mit internationalen Bildungsstudien und der Forderung nach effektivem und individualisiertem Lernen auf. Es ist daher unerlässlich, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen und sich kritisch mit dem Konzept auseinanderzusetzen. Deshalb hat das GEW-Bundesforum „ Bildung in der digitalen Welt“ eine Fachtagung mit einem Vortrag von Frau Prof. Dr. Sigrid Hartong veranstaltet. Die Referentin hat das Konzept „Learning Analytics“ differenziert erläutert und in den Zusammenhang einer neuen Form von Bildungssteuerung und expandierender Dateninfrastrukturen gestellt. Dass in der Pädagogik Daten von Lernenden erhoben werden, um den Unterricht danach auszurichten, ist nichts Neues. Jede Klassenarbeit, jeder Leistungstest dient diesem Zweck. Das Neue an Learning Analytics ist, dass die Tools nicht allein von Pädagog*innen entwickelt und kontrolliert werden, sondern durch von Informatiker*innen programmierteAlgorithmen. Sie folgen also nicht der Logik der Lerntheorien oder der Entwicklungspsychologie, sondern der Logik der Datenerfassung. Das auch von der Kultusministerkonferenz geforderte Primat der Pädagogik wird hier also außer Kraft gesetzt. Die Fragestellung ist nicht: Wie kann ich die Lernentwicklung besonders gut erfassen und begleiten? Sondern: Welche Daten lassen sich einfach und effektiv erfassen und vergleichen?  Dieses einer Datenlogik folgende Konzept hat natürlich auch Auswirkungen auf die Aufgabenqualität und das Unterrichtskonzept. Bei der Aufgabenbewertung können keine kognitiven Zwischenschritte und Teilkonzepte erfasst werden, wie es in einer qualifizierten Fehleranalyse und bei Lerngesprächen der Fall wäre. Die Bewertung folgt einem Richtig- Falsch-Schema. Deshalb werden Aufgaben konzipiert, die zu diesem Auswertungsschema passen. Diskursive und kommunikative Auseinandersetzungen mit Unterrichtsgegenständen entfallen oder werden minimiert. Innerhalb der Aufgabenstellung sind bestimmte erwünschte Antworten vorprogammiert. Diese werden belohnt, während Umwege, die möglicherweise auch zu einem Ergebnis führen, ausgeschlossen werden. Dies ist eine Abkehr von Formen konstruktiver Didaktik, die gerade die (Re-)konstruktion eines Lerngegenstandes durch die Lernenden voraussetzen. An deren Stelle tritt ein Frage- und Antwortschema, das an reproduktive Unterrichtsformen erinnert. Hinzu kommt: Für die Lernentwicklung wichtige Aspekte wie die kognitiven Konzepte der Lernenden können nicht erfasst werden. Dagegen werden Daten zur Aufmerksamkeit, zur Bearbeitungszeit sowie die reine Fehlerquote erfasst. Es kommt zu einer dauernden Verhaltenskontrolle der Lernenden. Dieser Aspekt ist auch im Hiblick auf Demokratie und Freiheit problematisch. Dies gilt nicht nur für die ständige Verhaltenskontrolle, sondern auch für dasie vorgegebenen Antwortschemata. Demokratie lebt vom Diskurs. Unter der schönen digitalen Oberfläche lassen sich aber unbemerkt auch bestimmte „Wahrheiten“ transportieren und effektiv in die Köpfe bringen.
Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, was mit den erhobenen Metadaten über die Lernenden passiert. Offensichtlich führen die technischen Möglichkeiten der Learning-Analytics-Programmezu großen Rückschritten in der Methodik und Didaktik, einer Einschränkung der Aufgabenqualität sowie zu einer massiven Sammlung problematischer Metadaten. Nichtsdestotrotz feiern verschiedene Stiftungen und Teile der Bildungspolitik das Konzept als innovativ. Der Einsatz digitaler Medien und von Lernprogrammen kann durchaus sehr sinnvoll und bereichernd sein. Es ist die Aufgabe von Pädagog*innen diesen Einsatz pädagogisch zu begründen und in ein Gesamtkonzept einzufügen.

Interessante Lektüre zum Thema: Sigrid Hartong Learning-analytics-2019

 

Bild: Gerd Altmann: Datennetz (Pixabay)

Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit im Arbeitsfeld Schule

Die Maikundgebungen 2018 standen unter dem Motto Solidarität – Vielfalt – Gerechtigkeit. Dieser Dreiklang fasst die Zielsetzung einer inklusiven Entwicklung der Gesellschaft schlagwortartig zusammen. Wir Gewerkschafter*innen würden keinen dieser starken und auch emotional bedeutsamen Begriffe in Frage stellen. Auf der abstrakten und programmatischen Ebene sind sie unumstritten. Schwieriger wird es, wenn wir diese Begriffe auf die konkrete „Arbeitsebene“ herunterbrechen und sie in spezifischen Bereichen zur Grundlage der gewerkschaftlichen und praktischen Arbeit machen wollen.  Ich habe in der gewerkschaftlichen Online-Zeitschrift Denk doch mal versucht, diese Begriffe auf das Arbeitsfeld Schule zu beziehen – unter der Perspektive der gewerkschaftlichen Interessenvertretung:

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