Der Poet mit dem Kinderblick

Ein Gastbeitrag von Dieter Hoffmann (rotherbaron)

Kindheit und Schule in der Dichtung Jacques Préverts

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Bei einem Blick auf die Biographie des am 4. Februar 1900 in Neuilly-sur-Seine geborenen und am 11. April 1977 in Omonville-la-Petite verstorbenen Jacques Prévert wäre manch einer wohl geneigt zu sagen, dass diesem Autor das Dichten nicht gerade in die Wiege gelegt worden ist. Sein Vater musste sich lange mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, ehe er schließlich in Paris eine Anstellung bei einer Wohltätigkeitsorganisation fand. Sein Sohn geriet im Dschungel der Großstadt ins Kleinkriminellenmilieu, so dass Prévert sich später selbst über die „Jungfräulichkeit“ seines Strafregisters wunderte (1). Der Schulunterricht war bei alledem nichts weiter als ein lästiges Übel, und das Schwänzen des Unterrichts mündete folgerichtig in das frühestmögliche Verlassen der Schule (mit 15 Jahren).

Hätte man Prévert gefragt, wie er mit dieser geringen Schulbildung Dichter hatte werden können, so wäre die Antwort wohl gewesen, dass dies nicht trotz, sondern wegen seiner Distanz zum Schulbetrieb geschehen sei. So hat er sich etwa gegen die Standardisierung des geistigen Fortschritts gewandt, die das gleichschrittige Lernen in der Schule mit sich bringe. Wenn man sage, dass ein Kind in der Schule keine Fortschritte mache, würden dabei oft die anderen, von den schulischen Tests nicht gemessenen und womöglich auch gar nicht mit dem Unterricht zusammenhängenden Entwicklungen übersehen, die ein Kind durchlaufe:

„Un enfant, (…) à l’école, on dit: il ne fait pas de progrès. Pourtant, on ne sait pas, on ne peut pas savoir s’il n’en fait pas, dans une direction différente“ (2).

Mit Montaigne kritisiert Prévert daher die „Gefangennahme“ des kindlichen Geistes in der Schule, wo dieser den Launen eines missmutigen Lehrers ausgeliefert sei und so seiner individuellen Kraft beraubt werde (3).

Drei der bekanntesten Gedichte Préverts sind dieser Thematik gewidmet. In Le cancre (‚Der Schulversager‘; 4) rebelliert ein Schüler gegen die geistige Unterdrückung durch den Lehrer, indem er all die abstrakten Zahlen und Fakten, die er lernen soll, wegwischt und sie mit dem „Gesicht des Glücks“ übermalt. Analog dazu werden die Voraussetzungen geistiger Freiheit in Page d’écriture (‚Rechenübung‘; 5) gerade dadurch geschaffen, dass die Schüler sich von den mathematischen Repetierübungen des Lehrers ab- und dem Vogel der Phantasie zuwenden, der mit seinem Gesang die Mauern des Klassenzimmers und damit die Schulwirklichkeit in sich zusammenstürzen lässt:

„Und die Glasscheiben werden wieder zu Sand, / die Tinte wird wieder zu Wasser, / die Pulte werden wieder zu Bäumen, / die Kreide wird zu einem Kreidefelsen / und der Federhalter zu einem Vogel“ (6).

In Chasse à l’enfant (‚Jagd auf das Kind‘; 7) schließlich wird ein aus einer Erziehungsanstalt ausgebrochenes Kind wie ein „gehetztes Tier“ von der „Meute der anständigen Leute“ gejagt, die seine Flucht in die Freiheit als Anschlag auf die soziale Ordnung empfinden und entsprechend zu ahnden versuchen. Indem dabei nicht von „einem“, sondern „dem“ Kind die Rede ist, erscheint dieses allgemein als Symbol für die im Alltag der bürgerlichen Gesellschaft unterdrückte geistige Freiheit.

Der Sinn der Schule (und des Verständnisses von Erziehung und Bildung, für die sie steht) ist es damit nach Prévert nicht in erster Linie, den Kindern wichtige geistige Inhalte und Fertigkeiten beizubringen. Ihren hauptsächlichen Zweck sieht er vielmehr darin, den Kindern ihre geistige Unabhängigkeit auszutreiben. Diese exemplifiziert er an dem speziellen Blick von Kindern, der die Maskerade des sozialen Alltags durchdringe und so bei den Erwachsenen Peinlichkeitsgefühle hervorrufe:

„Häufig habe ich Leute zu ihrem Kind sagen hören: ‚Senk die Augen!‘ Denn der Blick von Kindern erzeugt bei den Erwachsenen fast immer Scham“ (8).

Er selbst, so Prévert, habe sich deshalb eben diesen Kinderblick – und mit ihm die „Tränen“, das „Lachen“ und die „glücklichen Geheimnisse“ der Kindheit – zu bewahren versucht. Und so stelle er „zu meinem Vergnügen“ noch immer kindliche Fragen – also Fragen, die durch ihre Distanz zum Alltagsgeschehen zu Verfremdungseffekten führen und so einen neuen Blick auf dieses ermöglichen (9).

Zitatenachweis:

(1) Prévert, Jacques / Pozner, André: Hebdromadaires (1972), S. 85. Paris 1982: Éditions Gallimard.
(2) Ebd., S. 101.
(3) Ebd., S. 101 f.
(4) Prévert, Jacques: Paroles (1946), S. 63. Paris 1949: Éditions Gallimard.
(5) Ebd., S. 146 f.
(6) Ebd., S. 147.
(7) Ebd., S. 86 f.
(8, 9) Prévert, Jacques / Pozner, André: Hebdromadaires (1972), S. 62. Paris 1982: Éditions Gallimard.

Freie Nachdichtungen:

Rechenstunde

(nach Page d’écriture)

Zwei und zwei sind vier
plus vier sind acht
was mal zwei dasselbe macht
minus vier sind’s wieder vier
Rechenkette eng gefügt
um die Zahlen um die Köpfe
auf akkuraten Karos
eine zitternde Feder
eine Vogelfeder vor dem Fenster
gleitet vorbei
gleitet in die Herzen hinein
ein unberechenbares Lied
löst die eng gefügte Kette
um die Zahlen um die Köpfe
zu unzähligen Gliedern
einem Meer aus bunten Wissensmurmeln
unkalkulierbar glitzernd
befreit
taucht die Feder hinein.

 

Der Klassenclown

(nach Le cancre)

Unter ihm
die gescheitelten Köpfe
der Musterschüler,
vor ihm
der lauernde Blick
des Lehrers.

Die Salven der Fragen
prasseln auf ihn ein,
er taumelt
im Kugelhagel der Probleme,
die nicht die seinen sind.

Plötzlich aber
lacht sich der helle Wahnsinn
durch sein verdüstertes Gesicht.
Er greift nach dem Schwamm
und wischt es einfach weg,
das Labyrinth aus Zahlen und Fakten,
aus Daten und Begriffen,
aus Phrasen und Formeln,

und übermalt
unter dem Gejohle der Klassenmanege
regenbogenfarben
die dunkle Tafel des Unglücks
mit dem strahlenden Gesicht des Glücks.

 

Bildnachweis: Albert Anker (1831-1910): Schuljunge, 1880

Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie

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Vor ein paar Tagen ist unser lange angekündigter Kongress „Eine für alle- Die inklusive Schule für die Demokratie“ zu Ende gegangen. Es war ein spannender, lebhafter Kongress mit intensiven, zum Teil auch kontroversen Diskussionen. Es war ein Kongress der Begegnung zwischen Berufs- und Interessengruppen und KollegInnen aus den Schulen, aus der LehrerInnenbildung und den Verwaltungen.

Der Kongress war zugleich der Höhepunkt einer fast zweijährigen intensiven Zusammenarbeit mit der GGG, dem GSV, der Aktion Humane Schule, dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität, dem Verein Politik gegen Aussonderung, dem NRW-Bündnis Eine Schule für alle, der Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft sowie weiteren UnterstützerInnen. Diese Zusammenarbeit wird weitergehen.

eva-giovanniniEine zentrale Botschaft hat Vernor Munoz zum Kongressauftakt formuliert. Inklusive Bildung als Menschenrechtsmodell sei keine bloße Organisationsform, die man dem bestehenden System einfach hinzufüge. Sie könne nicht in einem selektiven System erfüllt werden und erfordere Paradigmenwechsel in der Bildungstheorie, der Bildungspolitik und der Bildungspraxis. Dies sei die politisch einzufordernde Staatenverpflichtung.

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Eine weitere zentrale Botschaft des Kongresses war, dass die Grundlage und derKompass der bildungspolitischen Weiterentwicklung die Menschen- und Kinderrechte sein müssen. Besonders Reinald Eichholz hat in seinem Abschlussplädoyer betont, dass dieser breite Ansatz nicht verloren gehen dürfe. Sonst werde Inklusion zu einem technokratischen Additiv zu den bestehenden Verhältnissen und politisch wie pädagogisch bleibe alles beim Alten. Das Bekenntnis zum uneingeschränkten Recht auf Bildung für jeden Menschen verleiht dem Kampf für bessere Rahmenbedingungen (die auch Thema der

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verschiedenen Podien und Foren waren) Glaubwürdigkeit und Kraft. Haldis Holst hat aus Sicht der norwegischen Lehrergewerkschaft sehr anschaulich gemacht, wie eine Gewerkschaft ihre Werte und ethischen Prinzipien gleichsam zum „politischen Mandat“ und zur „Waffe“ im Kampf um gute Bedingungen machen kann.

Der Kongress war vom Bekenntnis zu einer „inklusiven Schule für die Demokratie“ getragen, wenn auch über die Wege dorthin – wie das Abschlusspodium zeigte – gestritten werden kann und muss. Dennoch wurde klar: es geht weiterhin „um das große Rad“, also nicht nur um Maßnahmen, sondern um eine Transformation. Dies hat nicht zuletzt – neben Munoz und Holst – der dritte Blick über den Tellerrand  gezeigt: Ewald Feyerer konnte aufzeigen, dass das zweigliedrige österreichische System zwar die Segregation etwas abmildern, nicht aber die Inklusion umsetzen konnte.

 

Hier Informationen und ein paar Impressionen vom Kongress:

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/inklusions-kongress-soziale-spaltung-ueberwinden/

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/inklusion-statt-selektion/

Zur Pressemeldung der veranstaltenden Verbände und zum Hintergrundmaterial „Zahlen – Daten – Fakten“ geht’s hier:  Daten und Fakten

Bilder: Copyright: Eva Giovannini, Christoph Boeckheler

 

Entgegnung zu „Das Abitur erledigt sich von selbst“ von Christoph Türcke in der Süddeutschen Zeitung vom 10. Februar 2016

Artikel Süddeutsche

Sollten Philosophen, die Schulen nur aus ihrer eigenen Pennäler-Zeit vor Jahrzehnten kennen, über Unterricht und Schulentwicklung schreiben? – Diese Frage lässt sich nach dem Lesen des Artikels von Christoph Türcke mit einem klaren Nein beantworten.
Hier schreibt sich nun nach Clemens Knobloch auf den „Nachdenkseiten“ mal wieder ein pseudolinker Gelehrter seinen ganzen bürgerlichen Frust von der Seele: Schließlich besteht die Gefahr, dass die eigenen akademisch erzogenen Kinder (oder Enkelkinder) plötzlich mit Kindern aus niedrigen sozialen Schichten, fremden Kulturen oder gar mit Kindern mit einer Behinderung zusammen lernen müssen. Hinzu kommt noch die Gefahr, dass man auf dem Olymp der Elite plötzlich von hergelaufenen Billigabiturienten aus der Arbeiterklasse bedrängt werden könnte, die womöglich die deutsche Rechtschreibung, dieses Heiligtum des deutschen Bildungsbürgertums, nur unzureichend beherrschen. Kritische erziehungswissenschaftliche Literatur, wie sie seit vielen Jahrzehnten als Kritik zur „Paukschule“ und zum Ständeschulsystem verfasst wurden, muss man meiden wie der Teufel das Weihwasser. Dort finden sich einfach zu viele Gedanken, die den selbsternannten deutschen Geistesadel vom hohen Ross stürzen könnten. Das alles kann man natürlich als „Linker“ nicht so offen schreiben. Schließlich ist man ja theoretisch für soziale Gerechtigkeit, Bildung für alle und sogar Demokratie.
Um den Schein des kritischen und „linken“ Bewusstseins zu wahren, werden im Artikel von Christoph Türcke erzreaktionäre Argumente gegen die Aufhebung des gegliederten Schulsystems und gegen die Inklusion mit Elogen gegen den „Neoliberalismus“ verrührt. Das Ganze ist weder logisch fundiert noch reflektiert (oder gar mit historischen und erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert).
Man hat den Eindruck, der Autor habe die letzten Jahre unter einer Glasglocke gelebt und all die Diskussionen um soziale Benachteiligungen, ungleiche Verteilung von Reichtum und der Umsetzung von Teilhaberrechten seien spurlos an ihm vorbeigezogen. Es ist auch schon ziemlich anmaßend, sich ein Urteil über den Schriftspracherwerb zu erlauben, wenn man sich weder praktisch noch wissenschaftlich jemals damit beschäftigt hat.
Mit dem Schlusssatz des Artikels kann ich als langjährige Lehrerin an einer inklusiven Gemeinschaftsschule rein gar nichts anfangen: Zu uns kamen alle Kinder und Jugendlichen gerne und freiwillig, niemand wurde eingesperrt. Während an der Förderschule Lernen über 70% die Schule ohne Abschluss verlassen, haben Jugendliche mit der gleichen Diagnose bei uns zu nahezu 100% einen regulären Abschluss erreicht. Alle konnten optimal gebildet und gefördert werden. Dies ist eine Frage des Schul- und Unterrichtskonzepts. Leider gibt der Autor nur Alltagstheorien von sich, wie man sie auch an dem ein oder anderen Stammtisch zu hören bekommt. Von Unterricht und Schule hat er genauso viel Ahnung wie jeder beliebige Mensch auf der Straße, der auch mal eine Schule besucht hat.
Man fragt sich ernsthaft, warum er in der Süddeutschen Zeitung eine solche Bühne geboten bekommt. Wie war es möglich, dass diese Alltagtheorien auch noch einen Verlag gefunden haben?
Die Antwort ist wohl: Die Fachjournalisten und Fachlektoren, die auch noch etwas von den Themen verstehen und einen solchen Text beurteilen könnten, werden rar. Niemand, der sich eingehend mit Bildungsfragen beschäftigt hat, wird Christoph Türcke in dieser Frage ernstnehmen. Eigentlich peinlich sowohl für die Süddeutsche als auch für den Verlag. Da es aber genug Leute gibt, die meinen, jeder könnte etwas Substantielles zur Schule sagen, weil er mal eine besucht hat, werden seine Bücher genug Leser finden – zumal er den deutschen Mainstream perfekt bedient. Es geht ja schließlich nicht um differenzierte, fundierte Erkenntnisse, sondern um den Marktkonformismus. Wobei wir mal wieder beim Neoliberalismus wären. Diesmal aber wirklich!