Entgegnung zu „Das Abitur erledigt sich von selbst“ von Christoph Türcke in der Süddeutschen Zeitung vom 10. Februar 2016

Artikel Süddeutsche

Sollten Philosophen, die Schulen nur aus ihrer eigenen Pennäler-Zeit vor Jahrzehnten kennen, über Unterricht und Schulentwicklung schreiben? – Diese Frage lässt sich nach dem Lesen des Artikels von Christoph Türcke mit einem klaren Nein beantworten.
Hier schreibt sich nun nach Clemens Knobloch auf den „Nachdenkseiten“ mal wieder ein pseudolinker Gelehrter seinen ganzen bürgerlichen Frust von der Seele: Schließlich besteht die Gefahr, dass die eigenen akademisch erzogenen Kinder (oder Enkelkinder) plötzlich mit Kindern aus niedrigen sozialen Schichten, fremden Kulturen oder gar mit Kindern mit einer Behinderung zusammen lernen müssen. Hinzu kommt noch die Gefahr, dass man auf dem Olymp der Elite plötzlich von hergelaufenen Billigabiturienten aus der Arbeiterklasse bedrängt werden könnte, die womöglich die deutsche Rechtschreibung, dieses Heiligtum des deutschen Bildungsbürgertums, nur unzureichend beherrschen. Kritische erziehungswissenschaftliche Literatur, wie sie seit vielen Jahrzehnten als Kritik zur „Paukschule“ und zum Ständeschulsystem verfasst wurden, muss man meiden wie der Teufel das Weihwasser. Dort finden sich einfach zu viele Gedanken, die den selbsternannten deutschen Geistesadel vom hohen Ross stürzen könnten. Das alles kann man natürlich als „Linker“ nicht so offen schreiben. Schließlich ist man ja theoretisch für soziale Gerechtigkeit, Bildung für alle und sogar Demokratie.
Um den Schein des kritischen und „linken“ Bewusstseins zu wahren, werden im Artikel von Christoph Türcke erzreaktionäre Argumente gegen die Aufhebung des gegliederten Schulsystems und gegen die Inklusion mit Elogen gegen den „Neoliberalismus“ verrührt. Das Ganze ist weder logisch fundiert noch reflektiert (oder gar mit historischen und erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert).
Man hat den Eindruck, der Autor habe die letzten Jahre unter einer Glasglocke gelebt und all die Diskussionen um soziale Benachteiligungen, ungleiche Verteilung von Reichtum und der Umsetzung von Teilhaberrechten seien spurlos an ihm vorbeigezogen. Es ist auch schon ziemlich anmaßend, sich ein Urteil über den Schriftspracherwerb zu erlauben, wenn man sich weder praktisch noch wissenschaftlich jemals damit beschäftigt hat.
Mit dem Schlusssatz des Artikels kann ich als langjährige Lehrerin an einer inklusiven Gemeinschaftsschule rein gar nichts anfangen: Zu uns kamen alle Kinder und Jugendlichen gerne und freiwillig, niemand wurde eingesperrt. Während an der Förderschule Lernen über 70% die Schule ohne Abschluss verlassen, haben Jugendliche mit der gleichen Diagnose bei uns zu nahezu 100% einen regulären Abschluss erreicht. Alle konnten optimal gebildet und gefördert werden. Dies ist eine Frage des Schul- und Unterrichtskonzepts. Leider gibt der Autor nur Alltagstheorien von sich, wie man sie auch an dem ein oder anderen Stammtisch zu hören bekommt. Von Unterricht und Schule hat er genauso viel Ahnung wie jeder beliebige Mensch auf der Straße, der auch mal eine Schule besucht hat.
Man fragt sich ernsthaft, warum er in der Süddeutschen Zeitung eine solche Bühne geboten bekommt. Wie war es möglich, dass diese Alltagtheorien auch noch einen Verlag gefunden haben?
Die Antwort ist wohl: Die Fachjournalisten und Fachlektoren, die auch noch etwas von den Themen verstehen und einen solchen Text beurteilen könnten, werden rar. Niemand, der sich eingehend mit Bildungsfragen beschäftigt hat, wird Christoph Türcke in dieser Frage ernstnehmen. Eigentlich peinlich sowohl für die Süddeutsche als auch für den Verlag. Da es aber genug Leute gibt, die meinen, jeder könnte etwas Substantielles zur Schule sagen, weil er mal eine besucht hat, werden seine Bücher genug Leser finden – zumal er den deutschen Mainstream perfekt bedient. Es geht ja schließlich nicht um differenzierte, fundierte Erkenntnisse, sondern um den Marktkonformismus. Wobei wir mal wieder beim Neoliberalismus wären. Diesmal aber wirklich!

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