Ein Hoch auf den Osterhasen!

KIND, SAMMELN, OSTEREIER, KORB, MANTEL, GUMMISTIEFEL, HASENOHREN, OHREN,

Nikolaus im Kindergarten. Drei Mädchen sitzen um einen Gruppentisch und knabbern an ihren Schokoladennikoläusen. Sagt ein Mädchen zu den beiden anderen: „Ihr wisst aber schon, dass der Nikolaus tot ist? Der wäre ja jetzt schon 900 Jahre alt!“

Schweigendes Gemampfe. Dann ergänzt die Nachbarin: „Und das Christkind ist auch schon tot. Das war nämlich der Jesus – und den haben sie ja ans Kreuz genagelt.“

Schlussfolgerung der Dritten im Bunde: „Der Nikolaus ist tot, das Christkind ist tot … Wenn ich’s mir recht überlege, lebt eigentlich nur noch der Osterhase.“

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(mitgeteilt von Wolfgang Knerr, meinem langjährigen Ko-Vorsitzenden in der Landesfachgruppe sonderpädagogische Berufe der GEW)
Bild:Emily Kmetz, 2, searches for Easter eggs during a holiday event at Baker Lake in Peru. (AP/The News Tribune/David Manley)

Der Käferexperte

Fachtagung der SKäfer schreibtPD über „Begabung“ in Mainz. Ich muss an Florian denken, den kleinen Käferspezialisten, den ich einmal an einer Grundschule unterrichtet habe. Käfer waren Florians ganze Leidenschaft. Wann immer seine Eltern ihm etwas Gutes tun wollten, zerrte er sie in eine Buchhandlung und suchte sich dort ein Buch über Käfer aus.
In der Schule bekamen die Käferbücher die Funktion einer Belohnung: Wenn Florian mit seinen Aufgaben fertig war, durfte er sich aus dem Wandregal, das wir eigens für ihn angebracht hatten, eines seiner Bücher nehmen und darin lesen. Da Florian sehr umgänglich und deshalb bei seinen Mitschülern recht beliebt war, begannen sich bald auch die anderen für sein Hobby zu interessieren. Die Folge war nicht nur, dass die Klasse wahrscheinlich einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für die größte Ansammlung junger Käferexperten hätte beantragen können. Vielmehr forderten auch die anderen nach und nach das Recht auf „Belohnungslesen“ ein So wurde aus dem Wandregal eine Leseecke und aus der Leseecke schließlich ein Freiarbeitsbereich, in dem jeder seinen eigenen Interessen nachgehen konnte.
Damit hatte Florian den anderen durch seine geistige Leidenschaft Freiräume geschaffen, von denen am Ende alle profitierten. Hätte man ihm den Stempel „hochbegabt“ verpasst und ihn in ein spezielles Förderprogramm gesteckt, wäre der Klasse dieser geistige Motor abhandengekommen. Angesichts des mit solchen Programmen verbundenen Erwartungsdrucks hätte Florian, den ich als sehr sensiblen Jungen in Erinnerung habe, dann wahrscheinlich sogar selbst keine Freude mehr an seiner Wissbegierde gehabt.
Das Denken in Begabungskategorien ist, so scheint mir, ein Resultat des gleichschrittigen Unterrichts. Wenn alle Lernenden in einer bestimmten Zeit dieselben Lernziele erreichen sollen, werden Abweichungen nach unten als Beleg für „Minderbegabung“ und Abweichungen nach oben als Beleg für „Hochbegabung“ herangezogen. In einem offenen Unterricht, in dem die Lernenden ihr Lerntempo selbst wählen und auch bei den Lerninhalten individuelle Schwerpunkte setzen können, gibt es dagegen keine „Begabung“.
Das Phänomen der „Begabung“ ist damit so etwas wie das Ungeheuer von Loch Ness der Pädagogik: Niemand hat es je gesehen, aber jeder behauptet, es zu kennen, weil alle so darüber reden, als würde es existieren.

Jolifanto Bambla …

 

Karawane

Das 100-jährige Jubiläum der Geburtsstunde des Züricher Dadaismus im Cabaret Voltaire hat mich auch wieder an Hugo Balls schönes Lautgedicht Karawane denken lassen. Obwohl das Gedicht die Bedeutungsstrukturen der Worte auflöst, ruft es doch vage Assoziationen wach: an Elefanten (jolifanto), an die Schritte von Kamelen (blago bung), das Pfeifen des Wüstenwindes (ü üü ü) oder die Schreie der Kameltreiber (hej tatta gôrem). So lädt es ebenso zum freien Spiel mit der Sprache ein wie zum Nachdenken über die Struktur und den Konstitutionsprozess sprachlicher Bedeutung.
Persönlich verbinde ich mit dem Gedicht die Erinnerung an einen Grundschüler (ich nenne ihn hier Elmar), mit dem ich einmal als Sprachheiltherapeutin zu tun hatte. Gegen sein hartnäckiges Stottern erwiesen sich Hugo Balls Lautgedichte als einzig wirksame Medizin. Elmars Hauptproblem war die extreme emotionale Beteiligung beim Sprechen. Jedes Wort löste sogleich eine solche Fülle von Erinnerungen, Gefühlen und Ängsten in ihm aus, dass es ihm förmlich „die Sprache verschlug“. Hugo Balls Gedichte ermöglichten es ihm, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, ohne dabei durch eindeutige sprachliche Konnotationen behindert zu werden. Gerade die Offenheit des Assoziationsraums, den Hugo Balls sprachliche Kreationen ihm erschlossen, trug dazu bei, seine Hemmungen beim Sprechen zu lösen. Dafür haben wir einander die Karawane in ganz verschiedenen Modulationsarten vorgetragen: als Predigt, als Märchen, als Wutrede oder auch, mit verteilten Rollen, als Gespräch.
So wurde Elmar nicht nur zu einem beeindruckenden Rezitator dadaistischer Gedichte. Er lernte es darüber hinaus auch, entspannter mit der Sprache umzugehen und sein gelegentliches Stottern als quasi „dadaistischen“ Teil seiner Persönlichkeit zu akzeptieren.