Schule ist keine Bundesligatabelle – Warum Bildung, Lernen und Leistung das Gegenteil von Selektion und Konkurrenz sind

Ein schiefer Vergleich

Während die Bildungsforschung immer wieder auf strukturelle Ursachen von Bildungsungleichheit verweist, beschäftigt sich die öffentliche Debatte häufig mit Symbolfragen wie der Ausrichtung von Bundesjugendspielen.  In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich von Sporttabellen und der Schule sehr populär. Zur Verteidigung des gegliederten Schulsystems regelmäßig dieser Hinweis bemüht: Niemand würde schließlich völlig unbegabte Fußballer gemeinsam mit Profis ins Trainingslager schicken. Leistung würde durch Inklusion und „Kuschelpädagogik“ untergraben.

Dieser Vergleich offenbart ein offensichtlich tief verankertes, alltagstheoretisches Bildungsverständnis, das Leistung eng mit Konkurrenz und Selektion verknüpft. Dahinter steht die Annahme, dass Leistungsfähigkeit vor allem durch Auslese entsteht und die Förderung einer vermeintlichen Elite Vorrang vor der Entwicklung aller haben sollte. Dieses Bildungsverständnis aus der Zeit des Feudalismus prägt bildungspolitische Debatten bis heute – obwohl die Bildungsforschung seit Langem darauf hinweist, dass nachhaltige Leistungsentwicklung vor allem dort gelingt, wo Ermutigung, Teilhabe und gute Lernbedingungen im Mittelpunkt stehen.

Es offenbart auch ein veraltetes Bild von Unterricht: Ein Unterricht, in dem es nur ein lehrerzentriertes, gleichschrittiges Lernsetting für alle gibt.

Schule als sozialer Ort

Schule ist aber keine Sortiermaschine, sondern ein sozialer Ort, an dem Demokratie und Zusammenhalt nicht nur vermittelt, sondern aktiv angebahnt und gelebt werden müssen. So betont der amerikanische Pädagoge John Dewey, dass Demokratie kein abstrakter Lerninhalt ist, der sich abfragen lässt, sondern eine Lebensform, die eingeübt und erfahren werden muss. Er formuliert: „Das klare Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Lebens, mit allem, was sich damit verbindet, konstituiert die Idee der Demokratie“; Demokratie ist für ihn „diejenige Form des Zusammenlebens der Menschen, die ihre jeweiligen Kräfte am besten zum Tragen bringt“

Dieser Prozess beginnt in den Familien, findet jedoch in besonderem Maße in öffentlichen Bildungseinrichtungen statt. Dewey sieht die Schule als Modell einer „demokratischen Gemeinde“, in den demokratischen Tugenden wie Kritikfähigkeit, Solidarität und Kompromissbereitschaft erst entstehen und erprobt werden: „Die Schule muss selbst eine Gemeinschaft sein, in der die demokratische Lebensform gelebt wird“.

Öffentliche Schulen übernehmen damit eine Rolle, die sich grundlegend von kommerziell ausgerichteten Systemen wie der Bundesliga unterscheidet: Sie sind keine Orte der reinen Mehrwerterzielung und Konkurrenz, sondern Räume gemeinsamer Entwicklung, Teilhabe und Verantwortung – und sollten damit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Demokratie als Lebensform überhaupt erlernbar wird.

Die gesellschaftliche Dimension

Forschung zur politischen Sozialisation zeigt: Demokratische Teilhabe entsteht dort, wo Menschen Selbstwirksamkeit und vor allem Zugehörigkeit erfahren. Wer erlebt, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, entwickelt eher die Bereitschaft, sich gesellschaftlich und politisch einzubringen. Politische Selbstwirksamkeit gilt daher als zentrale Voraussetzung für politische Partizipation.

Ebenso wichtig ist das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Zugehörigkeit stärkt die Identitätsentwicklung und fördert die Motivation, Verantwortung zu übernehmen und sich demokratisch zu engagieren. In einem selektiv ausgerichteten Schulsystem, das auf Wettbewerb und Konkurrenz beruht, kann nur schwerlich ein  demokratisches Zugehörigkeitsgefühl entstehen.

Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen bedeutet das: Sie sollten Räume schaffen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, eigene Projekte gestalten und echte Mitbestimmung erleben. Gleichzeitig braucht es inklusive Strukturen, die allen das Gefühl vermitteln, dazuzugehören und anerkannt zu sein. Erst das Zusammenspiel von Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit schafft die Grundlage für demokratische Haltungen, Kompetenzen und langfristige gesellschaftliche Teilhabe – und fördert nicht zuletzt auch Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft.

Selektion und Konkurrenz schaffen keine gesellschaftlichen Werte und lassen Potentiale liegen.

Konsequenzen für das Bildungssystem

Leistungs- und Begabungsförderung bleiben zentrale Prinzipien von Schule. Allerdings zeigen motivationspsychologische Studien, dass nachhaltige Lernmotivation vor allem dann entsteht, wenn Kompetenz erlebt wird, ohne dass soziale Abwertung im Vordergrund steht.

Die Frage ist daher nicht, ob Leistung zählt, sondern wie sie rückgemeldet wird: als individueller Fortschritt oder primär im Vergleich zu anderen und deren Abwertung.

Eine Schule, die systematisch selektiert und entmutigt, riskiert langfristige gesellschaftliche Folgekosten. Eine Schule hingegen, die individuelle Entwicklung ermöglicht, stärkt Motivation, Verantwortungsbereitschaft und Teilhabe.

Ein Bildungssystem, das alle im Blick hat, bedeutet keine Abkehr von Leistung – sondern eine Voraussetzung dafür, dass möglichst viele Menschen ihr Potenzial entfalten und in einer demokratischen Gesellschaft einbringen können.

Und dies gelingt am ehesten in einer materiell und personell gut aufgestellten inklusiven Schule!


Literaturhinweise

Hoffmann, I. (2020). Politisches Empowerment von benachteiligten Lernenden: Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten. In G. Bade, A. Eis & J. Meyer-Heidemann (Hrsg.), Jetzt erst recht: Politische Bildung! Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen (S. 116–122). Wochenschau Verlag.

OECD (2019): PISA 2018 Results (Volume II): Where All Students Can Succeed. Paris: OECD Publishing.

Deci, E. L.; Ryan, R. M. (2000): The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry.
Vereinte Nationen (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK), Art. 24 Bildung.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland

Oberle, M. (2023): Politische Sozialisation im Jugendalter. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2023/Politische_Sozialisation_07_2023.pdf

Ziemes, J. F. & Deimel, D. (2024): Identität, politisches Interesse und politische Selbstwirksamkeit. In: Abs, H. J.; Hahn-Laudenberg, K.; Deimel, D.; Ziemes, J. F. (Hg.): ICCS 2022 – Schulische Sozialisation und politische Bildung von 14-Jährigen im internationalen Vergleich, Waxmann, S. 77–90

Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie

2016-09_26_eine_fuer_alle_christoph_boeckheler

Vor ein paar Tagen ist unser lange angekündigter Kongress „Eine für alle- Die inklusive Schule für die Demokratie“ zu Ende gegangen. Es war ein spannender, lebhafter Kongress mit intensiven, zum Teil auch kontroversen Diskussionen. Es war ein Kongress der Begegnung zwischen Berufs- und Interessengruppen und KollegInnen aus den Schulen, aus der LehrerInnenbildung und den Verwaltungen.

Der Kongress war zugleich der Höhepunkt einer fast zweijährigen intensiven Zusammenarbeit mit der GGG, dem GSV, der Aktion Humane Schule, dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität, dem Verein Politik gegen Aussonderung, dem NRW-Bündnis Eine Schule für alle, der Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft sowie weiteren UnterstützerInnen. Diese Zusammenarbeit wird weitergehen.

eva-giovanniniEine zentrale Botschaft hat Vernor Munoz zum Kongressauftakt formuliert. Inklusive Bildung als Menschenrechtsmodell sei keine bloße Organisationsform, die man dem bestehenden System einfach hinzufüge. Sie könne nicht in einem selektiven System erfüllt werden und erfordere Paradigmenwechsel in der Bildungstheorie, der Bildungspolitik und der Bildungspraxis. Dies sei die politisch einzufordernde Staatenverpflichtung.

2016-09_26_eine_fuer_alle_6_christoph_boeckheler

Eine weitere zentrale Botschaft des Kongresses war, dass die Grundlage und derKompass der bildungspolitischen Weiterentwicklung die Menschen- und Kinderrechte sein müssen. Besonders Reinald Eichholz hat in seinem Abschlussplädoyer betont, dass dieser breite Ansatz nicht verloren gehen dürfe. Sonst werde Inklusion zu einem technokratischen Additiv zu den bestehenden Verhältnissen und politisch wie pädagogisch bleibe alles beim Alten. Das Bekenntnis zum uneingeschränkten Recht auf Bildung für jeden Menschen verleiht dem Kampf für bessere Rahmenbedingungen (die auch Thema der

2016-09_26_eine_fuer_alle_2_christoph_boeckheler

verschiedenen Podien und Foren waren) Glaubwürdigkeit und Kraft. Haldis Holst hat aus Sicht der norwegischen Lehrergewerkschaft sehr anschaulich gemacht, wie eine Gewerkschaft ihre Werte und ethischen Prinzipien gleichsam zum „politischen Mandat“ und zur „Waffe“ im Kampf um gute Bedingungen machen kann.

Der Kongress war vom Bekenntnis zu einer „inklusiven Schule für die Demokratie“ getragen, wenn auch über die Wege dorthin – wie das Abschlusspodium zeigte – gestritten werden kann und muss. Dennoch wurde klar: es geht weiterhin „um das große Rad“, also nicht nur um Maßnahmen, sondern um eine Transformation. Dies hat nicht zuletzt – neben Munoz und Holst – der dritte Blick über den Tellerrand  gezeigt: Ewald Feyerer konnte aufzeigen, dass das zweigliedrige österreichische System zwar die Segregation etwas abmildern, nicht aber die Inklusion umsetzen konnte.

 

Hier Informationen und ein paar Impressionen vom Kongress:

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/inklusions-kongress-soziale-spaltung-ueberwinden/

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/inklusion-statt-selektion/

Zur Pressemeldung der veranstaltenden Verbände und zum Hintergrundmaterial „Zahlen – Daten – Fakten“ geht’s hier:  Daten und Fakten

Bilder: Copyright: Eva Giovannini, Christoph Boeckheler

 

Menschenrechte versus Humankapital – Zur Bildungspolitik der OECD

Entrance_to_the_OECD_Conference_Centre_April_2014Überlegungen anlässlich der Sitzung des Trade Union Advisory Commitees der OECD in Paris am 3. und 4. Mai 2016

Was ist das Ziel von Bildung? – Bei dieser Frage kommen viele Menschen ins Grübeln. Die Antworten derer, denen sofort etwas dazu einfällt, gehen indes oftmals auseinander.

Ein ganz großer Player in Bildungsfragen – zumindest unter den reicheren Industrieländern – ist die OECD.  Die OECD definiert Bildungsziele, gibt Hinweise, verfasst umfangreiche Studien. Ihrer Bildungsabteilung, in der mehr als 100 WissenschaftlerInnen beschäftigt sind, haben wir durchaus positive Impulse zu verdanken. So wurde der Glaube an die Sinnhaftigkeit des gegliederten Schulsystems in Deutschland von den diversen Studien der OECD immer wieder erschüttert. Auch die TALIS-Studie, die sich mit den Einschätzungen der Lehrkräfte beschäftigt, liefert wichtige Erkenntnisse zur Arbeitszufriedenheit.

Dennoch beschleicht mich immer wieder Unbehagen, wenn ich den ReferentInnen der OECD zuhöre. Auch wenn sie IMG_0020vermeintlich das Gleiche sagen, meinen sie doch etwas anderes: So wird in einer neuen Studie mit dem Titel „Social emotional Skills“ die Bedeutung sozialen Lernens betont. Während Gewerkschaften und ReformpädagogInnen die Bedeutung sozialen Lernens mit dem Lernen von Toleranz, Demokratie und Frieden begründen, besteht die Bedeutung für die OECD darin, dass das Vorhandensein sozialer Kompetenzen die Produktivität der ArbeitnehmerInnen und damit den Profit steigert. Dementsprechend unterscheiden sich auch die empfohlenen Maßnahmen, um die Sozialkompetenz zu steigern: Während engagierte Lehrkräfte eine entsprechende Schulkultur, Klassenräte und Streitschlichter sowie einen wertschätzenden und respektvollen Umgang  miteinander für maßgeblich halten, setzt die OECD auf Tests und Sozialtraining für diejenigen, die im Test versagt haben.

Ähnlich verhält es sich, wenn von Chancengerechtigkeit die Rede ist. Für engagierte Lehrkräfte und Gewerkschaften geht es hierbei  um das umfassende Menschenrecht auf Bildung und den Abbau von sozialen Spaltungen. Für die OECD geht es um das Ausschöpfen des Humankapitals. Wenn die Humankapitalhypothese bei der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im Mittelpunkt steht, was ist dann mit dem Bildungsrecht all derjenigen, die aufgrund schwerster Beeinträchtigungen keinen „Mehrwert“ erzielen können? Bedeutet dies nicht in letzter Konsequenz, dass ihnen das Recht auf Bildung abgesprochen wird?

Ist das Ziel von Bildung nicht umfassende gesellschaftliche Teilhabe,  Persönlichkeitsentwicklung und Demokratie? – Das mögen politisch aufgeklärte Menschen so  sehen. In einem neueren Papier der OECD wird die Schaffung von „well functioning adults“ al2977788,templateId=scaled,property=imageData,height=287,scale=proportional,v=1,width=640,CmPart=com.arte-tv.wwws Bildungsziel genannt – gut funktionierende Rädchen im Wirtschaftsgetriebe, die nicht unnötig herumgrübeln und flexibel einsetzbar sind. Aber sollten engagierte Lehrerinnen und Lehrer angesichts der verheerenden ökologischen und sozialen Folgen eines reibungslos funktionierenden Kapitalismus nicht eher Sand in das kapitalistische Getriebe streuen?