Schule ist keine Bundesligatabelle – Warum Bildung, Lernen und Leistung das Gegenteil von Selektion und Konkurrenz sind

Ein schiefer Vergleich

Während die Bildungsforschung immer wieder auf strukturelle Ursachen von Bildungsungleichheit verweist, beschäftigt sich die öffentliche Debatte häufig mit Symbolfragen wie der Ausrichtung von Bundesjugendspielen.  In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich von Sporttabellen und der Schule sehr populär. Zur Verteidigung des gegliederten Schulsystems regelmäßig dieser Hinweis bemüht: Niemand würde schließlich völlig unbegabte Fußballer gemeinsam mit Profis ins Trainingslager schicken. Leistung würde durch Inklusion und „Kuschelpädagogik“ untergraben.

Dieser Vergleich offenbart ein offensichtlich tief verankertes, alltagstheoretisches Bildungsverständnis, das Leistung eng mit Konkurrenz und Selektion verknüpft. Dahinter steht die Annahme, dass Leistungsfähigkeit vor allem durch Auslese entsteht und die Förderung einer vermeintlichen Elite Vorrang vor der Entwicklung aller haben sollte. Dieses Bildungsverständnis aus der Zeit des Feudalismus prägt bildungspolitische Debatten bis heute – obwohl die Bildungsforschung seit Langem darauf hinweist, dass nachhaltige Leistungsentwicklung vor allem dort gelingt, wo Ermutigung, Teilhabe und gute Lernbedingungen im Mittelpunkt stehen.

Es offenbart auch ein veraltetes Bild von Unterricht: Ein Unterricht, in dem es nur ein lehrerzentriertes, gleichschrittiges Lernsetting für alle gibt.

Schule als sozialer Ort

Schule ist aber keine Sortiermaschine, sondern ein sozialer Ort, an dem Demokratie und Zusammenhalt nicht nur vermittelt, sondern aktiv angebahnt und gelebt werden müssen. So betont der amerikanische Pädagoge John Dewey, dass Demokratie kein abstrakter Lerninhalt ist, der sich abfragen lässt, sondern eine Lebensform, die eingeübt und erfahren werden muss. Er formuliert: „Das klare Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Lebens, mit allem, was sich damit verbindet, konstituiert die Idee der Demokratie“; Demokratie ist für ihn „diejenige Form des Zusammenlebens der Menschen, die ihre jeweiligen Kräfte am besten zum Tragen bringt“

Dieser Prozess beginnt in den Familien, findet jedoch in besonderem Maße in öffentlichen Bildungseinrichtungen statt. Dewey sieht die Schule als Modell einer „demokratischen Gemeinde“, in den demokratischen Tugenden wie Kritikfähigkeit, Solidarität und Kompromissbereitschaft erst entstehen und erprobt werden: „Die Schule muss selbst eine Gemeinschaft sein, in der die demokratische Lebensform gelebt wird“.

Öffentliche Schulen übernehmen damit eine Rolle, die sich grundlegend von kommerziell ausgerichteten Systemen wie der Bundesliga unterscheidet: Sie sind keine Orte der reinen Mehrwerterzielung und Konkurrenz, sondern Räume gemeinsamer Entwicklung, Teilhabe und Verantwortung – und sollten damit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Demokratie als Lebensform überhaupt erlernbar wird.

Die gesellschaftliche Dimension

Forschung zur politischen Sozialisation zeigt: Demokratische Teilhabe entsteht dort, wo Menschen Selbstwirksamkeit und vor allem Zugehörigkeit erfahren. Wer erlebt, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, entwickelt eher die Bereitschaft, sich gesellschaftlich und politisch einzubringen. Politische Selbstwirksamkeit gilt daher als zentrale Voraussetzung für politische Partizipation.

Ebenso wichtig ist das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Zugehörigkeit stärkt die Identitätsentwicklung und fördert die Motivation, Verantwortung zu übernehmen und sich demokratisch zu engagieren. In einem selektiv ausgerichteten Schulsystem, das auf Wettbewerb und Konkurrenz beruht, kann nur schwerlich ein  demokratisches Zugehörigkeitsgefühl entstehen.

Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen bedeutet das: Sie sollten Räume schaffen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, eigene Projekte gestalten und echte Mitbestimmung erleben. Gleichzeitig braucht es inklusive Strukturen, die allen das Gefühl vermitteln, dazuzugehören und anerkannt zu sein. Erst das Zusammenspiel von Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit schafft die Grundlage für demokratische Haltungen, Kompetenzen und langfristige gesellschaftliche Teilhabe – und fördert nicht zuletzt auch Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft.

Selektion und Konkurrenz schaffen keine gesellschaftlichen Werte und lassen Potentiale liegen.

Konsequenzen für das Bildungssystem

Leistungs- und Begabungsförderung bleiben zentrale Prinzipien von Schule. Allerdings zeigen motivationspsychologische Studien, dass nachhaltige Lernmotivation vor allem dann entsteht, wenn Kompetenz erlebt wird, ohne dass soziale Abwertung im Vordergrund steht.

Die Frage ist daher nicht, ob Leistung zählt, sondern wie sie rückgemeldet wird: als individueller Fortschritt oder primär im Vergleich zu anderen und deren Abwertung.

Eine Schule, die systematisch selektiert und entmutigt, riskiert langfristige gesellschaftliche Folgekosten. Eine Schule hingegen, die individuelle Entwicklung ermöglicht, stärkt Motivation, Verantwortungsbereitschaft und Teilhabe.

Ein Bildungssystem, das alle im Blick hat, bedeutet keine Abkehr von Leistung – sondern eine Voraussetzung dafür, dass möglichst viele Menschen ihr Potenzial entfalten und in einer demokratischen Gesellschaft einbringen können.

Und dies gelingt am ehesten in einer materiell und personell gut aufgestellten inklusiven Schule!


Literaturhinweise

Hoffmann, I. (2020). Politisches Empowerment von benachteiligten Lernenden: Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten. In G. Bade, A. Eis & J. Meyer-Heidemann (Hrsg.), Jetzt erst recht: Politische Bildung! Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen (S. 116–122). Wochenschau Verlag.

OECD (2019): PISA 2018 Results (Volume II): Where All Students Can Succeed. Paris: OECD Publishing.

Deci, E. L.; Ryan, R. M. (2000): The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry.
Vereinte Nationen (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK), Art. 24 Bildung.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland

Oberle, M. (2023): Politische Sozialisation im Jugendalter. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2023/Politische_Sozialisation_07_2023.pdf

Ziemes, J. F. & Deimel, D. (2024): Identität, politisches Interesse und politische Selbstwirksamkeit. In: Abs, H. J.; Hahn-Laudenberg, K.; Deimel, D.; Ziemes, J. F. (Hg.): ICCS 2022 – Schulische Sozialisation und politische Bildung von 14-Jährigen im internationalen Vergleich, Waxmann, S. 77–90

Diverse elementary students reading, drawing, and playing with blocks in classroom

Inklusive Bildung in Deutschland: Ein notwendiger Aufbruch

Warum wir einen inklusiven Aufbruch brauchen

Wenn Schule krank macht

Justin (Name geändert) möchte nicht mehr zur Schule gehen. Allein der Gedanke daran, im Klassenzimmer zu sitzen, löst bei ihm Übelkeit aus. Seine Eltern müssten ihn mit erheblichem Zwang zur Bushaltestelle oder ins Auto bringen.

Warum ist das so? Justin ist hochsensibel. Lärm verursacht ihm körperlichen Schmerz, Gewalt und Ungerechtigkeit lösen Angst aus. Gleichzeitig ist er kognitiv sehr interessiert: Er denkt viel, sucht Herausforderungen und vertieft sich gern in anspruchsvolle Inhalte. So hat er sich eigenständig Französisch beigebracht, spricht und schreibt fließend und bestand erfolgreich eine externe Sprachprüfung.

Und die Schule? Dort hört er: „Du musst die gleichen Aufgaben machen wie alle anderen. Wenn du fertig bist, bekommst du Zusatzaufgaben.“ Das bedeutet für ihn, sich stundenlang mit Inhalten zu beschäftigen, die ihn nicht fordern. Er übt, was er längst beherrscht. Die Folge ist nicht Faulheit, sondern Boreout – eine Form chronischer Unterforderung mit erheblichen psychischen Folgen.

Unsichtbare Barrieren: Wenn Anpassung zur Überforderung wird

Samira (Name geändert) spricht nicht und vermeidet Blickkontakt. Sie ist Autistin. Ihre Kommunikation erfolgt schriftlich – auf einem guten sprachlichen Niveau. Dennoch erhält sie in „Mitarbeit“ die Note 5, da sie sich nicht meldet und keine mündlichen Beiträge leistet.

Als sie aufgefordert wird, vor der Klasse vorzulesen, reagiert sie mit Überforderung: Sie schreit und verlässt den Raum. Der Kinderarzt empfiehlt den Eltern den Wechsel auf eine Förderschule.

Hier wird deutlich: Nicht mangelnde Fähigkeit ist das Problem, sondern ein Setting, das ihre Kommunikationsform nicht anerkennt. Die schulischen Anforderungen sind nicht barrierearm gestaltet, sondern orientieren sich an einem engen Normverständnis von „Beteiligung“.

Lebenskompetenz ohne Passung: Einseitige Leistungsmaßstäbe

Erwin (Name geändert) wurde im Alter von fünf Jahren adoptiert, nachdem er seine ersten Lebensjahre in einem rumänischen Kinderheim verbracht hatte. Er zeigt deutliche Entwicklungsverzögerungen und hat Schwierigkeiten, sich Inhalte langfristig zu merken.

Gleichzeitig verfügt er über alltagspraktische Kompetenzen: Er kann kochen, orientiert sich im Alltag und ist sozial integriert. Er wird von seinen Mitschülern akzeptiert und erlebt sich häufig als fröhlich und zugehörig.

Dennoch empfiehlt die Förderschullehrkraft den Eltern den Schulwechsel mit der Begründung, er werde „hier keinen Abschluss erreichen“. Leistung wird hier primär über kognitive Standards definiert – andere Formen von Kompetenz und Teilhabe geraten in den Hintergrund.

Veränderte Kindheit – unveränderte Schule

Kindheit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Kinder und Jugendliche sind heute anderen, oft komplexeren psychischen Belastungen ausgesetzt. Gleichzeitig haben sich diagnostische Möglichkeiten erheblich verbessert. Viele Kinder, die heute als autistisch diagnostiziert werden, galten früher als „verhaltensauffällig“ oder „geistig behindert“ und wurden häufig exkludiert.

Das Bildungssystem jedoch hat auf diese Entwicklungen nur unzureichend reagiert. Es fehlt an Personal, multiprofessionellen Teams und einer systematischen Vorbereitung auf heterogene Lerngruppen. Auch in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte bestehen weiterhin deutliche Lücken im Bereich Inklusion und Umgang mit Vielfalt.

Strukturelle Aussonderung als scheinbare Lösung

Deutschland begegnet diesen Herausforderungen häufig mit einem strukturellen Ausweichmechanismus: Für unterschiedliche Problemlagen existieren unterschiedliche Schulformen. Wenn Anforderungen zu groß erscheinen, wird der Wechsel auf eine Förderschule empfohlen – meist mit dem Hinweis auf unzureichende Ressourcen im Regelschulsystem.

Diese Logik verstärkt jedoch das Problem: Förderschulen benötigen ihrerseits erhebliche Ressourcen, die dem allgemeinen Schulsystem entzogen werden. Es entsteht ein Kreislauf der Aussonderung.

Im europäischen Vergleich gehört Deutschland weiterhin zu den Ländern mit hohen Exklusionsquoten im Bildungssystem. Inklusive Bildung wird zwar politisch bejaht, aber strukturell nur zögerlich umgesetzt.

Inklusion als Entwicklungsauftrag

Es braucht ein ehrliches und systematisches Monitoring:

  • Welche Förderschwerpunkte und spezialisierten Angebote werden aktuell noch benötigt?
  • Wo muss konsequent in ein inklusives, personell gut ausgestattetes Regelschulsystem investiert werden?
  • Wie können individuelle Potenziale besser erkannt und gefördert werden?
  • Wie kann Schule zu einem Ort werden, der soziale Teilhabe, Toleranz und demokratische Kompetenzen stärkt?

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bleibt in Deutschland fragmentarisch. Historische Traditionen selektiver Bildung sowie aktuelle bildungspolitische Entscheidungen erschweren den notwendigen Transformationsprozess zusätzlich.

Ein leistungsfähiges Bildungssystem der Zukunft wird nicht durch stärkere Selektion entstehen, sondern durch eine konsequente Öffnung für Vielfalt. Ein inklusiver Aufbruch – in Schule und Gesellschaft – ist keine pädagogische Option, sondern eine bildungspolitische Notwendigkeit.

Literaturhinweise (Auswahl)

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2022): Bildung in Deutschland. Bielefeld: wbv.
  • Boban, I.; Hinz, A. (2019): Index für Inklusion. Weinheim: Beltz.
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021): Teilhabebericht der Bundesregierung.
  • Kuhl, P.; et al. (2020): Inklusion im deutschen Schulsystem – Entwicklungen und Befunde. Münster: Waxmann.
  • Prengel, A. (2016): Pädagogik der Vielfalt. Wiesbaden: Springer VS.
  • Speck, O. (2019): Schulische Inklusion aus heilpädagogischer Sicht. München: Ernst Reinhardt.
  • UN (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK).
  • Werning, R.; Arndt, A.-K. (2021): Inklusive Schulentwicklung in Deutschland. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Was KI über KI im Bildungsbereich „sagt“ – Meine Klassenlehrerin, der humanoide Roboter

Ein kleines ChatGPT-Experiment

Die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) für inklusiven Unterricht und Schule sind tatsächlich noch nicht einmal ansatzweise erschlossen. Auch ich beginne mich erst (auch angeregt durch unsere neue Bildungscampus-Direktorin, Dr. Anika Limburg) intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.

Ich würde mich als durchaus technikaffin und aufgeschlossen bezeichnen. Dennoch beschleicht mich schon seit Jahren ein starkes Unbehagen angesichts der Heilserwartungen, die der Digitalisierung teilweise von Seiten der Bildungspolitik entgegengebracht werden. Diese beruht u.a. darauf, dass die sozial-emotionalen Probleme der jungen Menschen, die in allen Schulformen massiv zunehmen, von der Bildungspolitik kaum in ihrem Ausmaß wahrgenommen werden.

Aus meiner Sicht können auf KI basierende Programme die Möglichkeiten der Differenzierung von Inhalten und Unterrichtsgegenständen erweitern sowie bei der Erstellung von individualisierenden Arbeitsmaterialien und Unterstützungsmitteln entlasten und helfen. Das ist schon ziemlich super und sollte genutzt werden (können)!- Die Digitalisierung macht aber einen konservativen Unterricht allenfalls technisch moderner. Digitalisierung ist keine qualitative Verbesserung und sie baut auch keine Benachteiligungen ab, wenn das pädagogisch-didaktische Gesamtkonzept der Schule dies nicht hergibt. Und: Hinter Anwendungen stehen Konzerne mit Eigeninteressen. Adaptive Programme generieren Metadaten über Lernende. Hier braucht es dringend auch ethisch-gesellschaftliche Standards und Schutzkonzepte und nicht nur blinde Begeisterung.

Was mir noch größeres Unbehagen bereitet, ist die Simulation von Emotion und Empathie durch humanoide Avatare und Roboter. Da könnten theoretisch angesichts des Fachkräftemangels Begehrlichkeiten von Seiten der Bildungspolitik entstehen, Lehrkräfte nicht nur durch Programme, sondern gleich durch Roboter zu ersetzen.

Nun zu meinem sehr kleinen ChatGPT-Experiment: Ich habe Chat Gpt zunächst eine Story schreiben lassen und dann näher nachgefragt. Sowohl die Story als auch die Antwort waren sehr viel kritischer als erwartet:

Nachricht an ChatGPT: Schreibe eine Geschichte über Jamie, der aus einer armen Familie kommt, viele Probleme zu Hause und in der Schule hat. Seine nette Klassenlehrerin Frau Rech geht in Pension und wird durch Kathie (Roboter, gnerative KI) ersetzt. Jamie ist darüber unglücklich.

ChatGPT nach wenigen Minuten:  Jamie ist ein kleiner Junge, der viele Probleme zu Hause hat. Sein Vater ist gewalttätig, und die Familie hat große Schulden. Wenn Jamie in die Schule kommt, fühlt er sich oft traurig und allein. Doch seine Lehrerin, Frau Rech, ist sehr nett. Sie hat Verständnis für Jamies Situation und versucht, ihm zu helfen. Jamie fühlt sich bei ihr wohl und kann manchmal sogar lächeln.

Eines Tages geht Frau Rech in Pension. Die Schule hat nicht genug Lehrer, also beschließt die Kultusministerin, Lehrroboter mit generativer KI einzusetzen. So wird der Roboter Kathie Jamies neue Klassenlehrerin. Kathie kann alles erklären und stellt den Kindern passende Aufgaben. Doch Jamie interessiert sich nicht für Mathematik oder Deutsch. Stattdessen wirft er Papierkugeln nach Kathie. Sie bleibt freundlich und erklärt ihm, dass man das nicht machen darf.

In der Klasse gibt es viel Streit. Die Kinder prügeln sich, und Jamie wird wegen seiner alten Kleidung gehänselt. Kathie versucht immer wieder, den Kindern zu erklären, warum ihr Verhalten falsch ist. Doch Jamie hört nicht zu. Schließlich wird er wütend und schaltet Kathie aus. Die anderen Kinder sind unzufrieden und rufen nach Frau Rech. Sie vermissen die Wärme und das Verständnis, das sie ihnen gegeben hat. Jamie merkt, dass er nicht nur eine Lehrerin, sondern auch eine Freundin verloren hat.

Frage an ChatGPT: Warum kann Kathie keine Ordnung in der Klasse schaffen und warum kann sie Jamie nicht helfen?

Antwort von Chat GPT: Kathie kann Streit und Chaos in der Klasse nicht unterbinden, weil sie trotz ihrer fortschrittlichen Technologie und ihrer Fähigkeit, Lehrstoff perfekt zu vermitteln, einige entscheidende menschliche Qualitäten vermissen lässt. Während Frau Rech die emotionale Intelligenz und das Mitgefühl hatte, um auf die individuellen Bedürfnisse und Probleme der Kinder einzugehen, ist Kathie auf programmierte Verhaltensmuster und logische Reaktionen beschränkt.

Jamie, der durch die familiären Probleme emotional stark belastet ist, braucht nicht nur pädagogische Unterstützung, sondern auch emotionale Zuwendung und Verständnis, die ihm eine KI wie Kathie nicht bieten kann. Als Kathie ihm erklärt, dass man keine Papierkugeln werfen darf, fehlt ihr die Fähigkeit, die tieferliegenden Gründe für Jamies Verhalten zu erkennen und darauf einzugehen. Sie kann ihm keine echte Wärme und Geborgenheit vermitteln, was Jamie umso mehr frustriert.

Die Unfähigkeit der KI, auf emotionale und soziale Dynamiken einzugehen, zeigt sich auch darin, dass sie das aggressive Verhalten und die Hänseleien in der Klasse nicht effektiv verhindern kann. Während Frau Rech durch ihre Präsenz, Empathie und durchsetzungsfähige, aber liebevolle Art für Ruhe und Zusammenhalt sorgte, gelingt es Kathie nicht, das Vertrauen und den Respekt der Kinder zu gewinnen. Die Kinder sehen in ihr lediglich eine Maschine, die ihnen keine echte menschliche Verbindung bieten kann.

Als Jamie Kathie schließlich ausschaltet, wird deutlich, wie sehr er und seine Mitschüler Frau Rech vermissen. Sie war nicht nur eine Lehrerin, sondern eine Vertrauensperson, die sie durch schwierige Zeiten begleitete. Jamies impulsive Handlung ist ein Ausdruck seiner Verzweiflung und seines Wunsches nach der verlorenen menschlichen Nähe und Unterstützung.

Die Schule erkennt allmählich, dass fortschrittliche Technologie zwar in vielen Bereichen hilfreich sein kann, aber nicht in der Lage ist, die unersetzliche menschliche Komponente in der Erziehung und Betreuung von Kindern vollständig zu ersetzen.

Na, was sagt Ihr dazu?

Bild: Jaro: KI generiertes Bild (Pixabay)

Grams / Hoffmann: „Sich vor niemandem bücken, außer um ihm aufzuhelfen“- Zum Gedenken an Wolfgang Jantzen

Im November 2020 starb Wolfgang Jantzen. Gemeinsam mit Florian Grams habe ich einen Gedenkband herausgegeben.

Wolfgang Jantzen hat mit seinen theoretischen und praktischen Überlegungen zu Inklusion und Exklusion Generationen von Pädagog*innen geprägt. Ansetzend an den Positionen der kulturhistorischen Schule der sowjetischen Psychologen Vygotskij und Leontjew hat er gemeinsam mit Georg Feuser eine „materialistische Behindertenpädagogik“ entwickelt, die sich absetzt von einer paternalistischen Fürsorgepädagogik, in der „Behinderung“ als Persönlichkeitsmerkmal festgeschrieben wird. „Behinderung“ sah Jantzen als ein Bündel, die Entwicklung des Einzelnen behindernder Lebensumstände, als Ausdruck gesellschaftlicher Isolation und Einschränkung. Das Ziel jeder Pädagogik muss es demnach sein, diese Umstände zu analysieren, die behindernden Faktoren aufzudecken und neue Möglichkeitsräume für den einzelnen Menschen zu eröffnen.
Im vorliegenden Band finden sich nun unterschiedliche Beiträge von Menschen, die mit Wolfgang Jantzen zusammengearbeitet haben, deren Denken und Arbeiten er beeinflusst hat. Kaleidoskopartig werden so seine Persönlichkeit und seine Arbeit beleuchtet.
Mit diesem Band verknüpft sich die Hoffnung, dass die von Wolfgang Jantzen angestoßenen Diskurse weiterleben, dass sie zu einer wirklich inklusiven Pädagogik und engagiertem gesellschaftlichen Handeln ermuntern.

Die Coronakrise als Vergrößerungsglas

Die Coronakrise hat überdeutlich gemacht, dass man eben nicht alle Kinder und Jugendlichen über einen Kamm scheren kann, dass Bulimie-Lernen nichts bringt und es Wichtigeres gibt als zentrale Prüfungen und abfragbares Wissen. Ich höffe wir lernen daraus, dass das Gesamtsystem gerechter werden muss und Sozial- und Bildungspolitik ineinandergreifen. Inklusion ist kein Randthema, sondern das Topthema für die Zukunft!

Hier mein Artikel in der GEW-Zeitung dazu:

Schulische Abseitsfalle

Auch hier spielte das Thema eine Rolle.

ZDF-Zoom: Schulen im Corona-Stress

 

 

 

 

Impressionen von der Didacta 2019 in Köln

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Martina Schmerr vom Hauptvorstand und die Griffelkasten-Autorin

Auch dieses Jahr wieder: Toller GEW-Stand. Eigentlich eine ganze GEW-Landschaft! Komplim20-gew-nrw-didacta-2019-koelnent an den Landesverband: Die GEW war nicht zu übersehen. Banner, Plakate, Flyer, wo immer man hinsah. Die Reizüberflutung in der Halle war kein Problem, denn die GEW-Fußspuren führten von überallher in die rote Oase zurück. In der Oase: Herzliche Begegnungen mit engagierten KollegInnen, Energieschub durch Kaffee und Kekse, und dann: nächste Runde durch das Didacta-Labyrinth …Auch_in_der_Kita-Halle

Etwas kleiner, aber dafür von echter Lilliput-Gemütlichkeit: der KITA-Stand. Die Pezzi-Sessel tun dem didactageplagten Rücken gut. Da lacht auch das Grundschullehrerinnen-Herz! Wichtiges Thema in diesem Jahr natürlich: das Gute-Kita-Gesetz – das wir gar nicht so gut finden. Ein schöner Name schafft noch keine besseren Arbeitsbedingungen. Deshalb, Frau Ministerin, bitte merken: In Zukunft erst arbeiten, und dann loben. Kleiner Tipp: Kleine Gruppen sind große Klasse – und: Erzieherinnen verdienen mehr …

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Mein Prototyp aus Kindertagen ist leider out

Schöne neue digitale Bildungswelt? Die Themen Schulcloud, digitale Schulverwaltung und Lernplattformen waren – wie nicht anders zu erwarten – allgegenwärtig. Der Digitalpakt lässt grüßen. Manches war doch arg „nerd-lastig“. Nicht aber die Roboterecke! Dort hatte ich eine echte Begegnung der „dritten Art“: Ein Roboter von ausgewählter Star-Wars-Höflichkeit fragte mich nach meinen Wünschen. Ich muss gestehen: Mit seinem Charme hätte er mich (fast) um den Finger gewickelt. Immerhin habe ich mir daraufhin die Lernplattformen zum Programmieren für die Grundschule einmal näher angeschaut. Das Spielkind in mir hat sich davon doch stark angesprochen gefühlt. Ich denke, dass das eine wichtige Grundlage für die Computer-„Alphabetisierung“ sein könnte. Als ergänzender Lerninhalt im Sachunterricht kann es sicher seinen Platz in der Grundschule haben.

Link: GEW-Materialien und Positionen zum Themenkomplex Medienbildung und Digitalisierung

Umfassende Medienbildung: Ja, bitte! Einflussnahme der Wirtschaft auf den IMG_2722Unterricht: Nein, danke! Manches, was da glänzt und glitzert, erweist sich bei näherem Hinsehen als trojanisches Pferd. Ich weiß: Angesichts der enormen Fülle von kostenlosen Materialien ist es schwer, den Überblick zu behalten. Das ist mir auf der Didacta auch so gegangen. An vielen Stellen haben Firmen durchaus ansprechende Materialien angeboten. Und zwar nicht nur Firmen aus der Digitalbranche – auch die Müsliwirtschaft bemüht sich nach Kräften, einen Fuß in die Schulküche zu bekommen. Meine Reaktion: einen Müsliriegel eingepfiffen, Material eingesäckelt und alles zu Hause in Ruhe geprüft.

Link: GEW- Privatisierungsreport zu Propaganda und Produktwerbung

DlXZJRAXcAI4lS9Ein Fels in der Brandung: Vera Fricke von der Bundeszentrale für Verbraucherschutz. Als Leiterin   des Stabs für  Verbraucherbildung hat sie einen Online-Materialkompass mitentwickelt. Der Kompass hält, was der Name verspricht: Er bietet eine echte Orientierung in der Fülle der kostenlosen Unterrichtsmaterialien. Zu etlichen Materialien gibt es Bewertungen (in Form von Sternen) und ausführliche Rezensionen. Die GEW arbeitet mit Vera schon sehr lange zusammen. Ich treffe sie regelmäßig beim Fachforum Schule / Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie ist für mich eine wichtige Ansprechpartnerin für Fragen wie ressourcenschonende Ernährung, nachhaltigen Konsum oder auch den kritischen Umgang mit der Finanzbranche.

Materialkompass der Verbraucherzentrale

A propos ressourcenschonende Ernährung: Interessant war für mich auch der BesuchIMG_2747 am Stand der Ärzte gegen Tierversuche. Der Verein gibt Info-Broschüren, aber auch Unterrichtsmaterialien heraus. Wichtigstes Anliegen: Sensibilisierung für die Qualen, die Tiere in Versuchslaboren erleiden. Und zwar größtenteils für völlig zweckfreie Grundlagenforschung! Der Verein informiert darüber hinaus über Alternativen zu Tierversuchen, u.a. zu den Möglichkeiten der Forschung mit Hilfe von Zellkulturen und Computermodellen. Ich war überrascht, wie heiß umstritten das Thema noch immer ist. Mir wurde das bewusst, als ich am Stand Zeuge einer hitzigen Debatte zwischen einem Biologieprofessor und Mitgliedern des Vereins wurde.

Schulseite des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“ mit Materialien

IMG_2721.JPGAuch dieses Jahr hat mich die eindringliche Werbung der Bundeswehr nicht zum Dienst an der Waffe bewegen können. Und das, obwohl die Bundeswehr regelmäßig einen der größten Stände auf der Didacta hat! Leider entspricht das der Rolle, die ihr in einigen Bundesländern im Unterricht eingeräumt wird. Ich bin mir da mit Pax Christi, Terre des Hommes und vielen anderen Organisationen einig: Die Bundeswehr hat in der Schule nichts zu suchen – die Rekrutierung von Minderjährigen verstößt gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Auf jeden Fall müsste „Waffengleichheit“ herrschen: Die Friedensbewegung müsste im gleichen Maß Zugang zu den Schulen haben. Diesem Ziel dienen auch die Fachforen zur Friedensbildung, die die GEW auch dieses Jahr wieder auf der Didacta veranstaltet hat.

Links zum Thema:

Die GEW zum Thema Bundeswehr und Schule

 „Kinder im Visier der Bundeswehr“. Broschüre von Terre des Hommes und GEW

Sonderausgabe des AWO-Magazins „Vielfalt“ zum Thema Friedensbildung

Vor lauter Digitalisierung nicht zu vergessen: der Mensch! Menschen haben Vorurteile,rass Vorurteile können zu Rassismus führen. Ein wichtiges Thema für eine Einwanderungsgesellschaft, also auch für deutsche Schulen. Auf der Didacta gab es dazu eine eigene Podiumsdiskussion. Dort habe ich Ali Can kennengelernt. Als angehender Lehrer hat er einen Verein für interkulturellen Frieden gegründet und leitet das Vilefalt- und Respektzentrum in Essen, das ein Ort der Begegnung, der Erfahrung und des Dialogs sein soll. In der Diskussion kamen insbesondere die oft unreflektierten Vorurteile zur Sprache, die vielfach zu Diskriminierungen (und in der Folge zu Lernunlust) führen. Außerdem bei der Diskussion dabei: Cornelia Gresch vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), die zu Diskriminierungen im Unterricht geforscht hat, sowie eine gewisse Ilka Hoffmann. Alle waren sich einig, dass wir eine unabhängige Anti-Diskriminierungsstelle in jedem Bundesland als Anlaufstelle für Betroffene sowie für fortbildungswillige Schulen bräuchten.

Links zum Thema:

Sendung von Deutschlandfunk Kultur vom 21.02.2019: Das Vielfalt- und Respektzentrum in Essen

Materialien der GEW zu den Themen Antirassismus und Antidiskriminierung

Screenshot_2019-02-25 mittendrin e V ( mittendrinev) TwitterLeider etwas an den Rand gedrängt: die Inklusion. Dabei habe ich auch dieses Jahr wieder festgestellt: Inklusion kann sexy sein. Beste Beispiele: die Powerfrau Eva-Maria Thoms vom Kölner Inklusionsverein Mittendrin und der Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen. Letzteren erkennt man nach seiner Aussage an seiner schicken Schirmmütze – obwohl ich persönlich eher seine Schlagfertigkeit bei Diskussionen als Erkennungsmerkmal ansehen würde.  Beide hatten das „Vergnügen“, mit dem Inklusionsskeptiker und Präsidenten des Lehrerverbandes, Peter Meidinger, über die schulische Inklusion zu diskutieren. Auf dem Foto ist zu sehen,  wie inklusiv Inklusionsbefürworter sind. Eva und Raúl haben auch etwas Werbung  für den Film „Kinder der Utopie“ von Hubertus Siegert gemacht. Der Film ist ein Nachfolgeprojekt zu dem Inklusionsfilm „Klassenleben“, der 2007 ein sechstes Schuljahr der Berliner Flämingschule porträtiert hat. In dem neuen Film werden die Kinder von damals als junge Erwachsene gezeigt. Alle haben ihren Platz im Leben gefunden und leben dabei auch heute noch die Vielfalt, die sie in der Schule als Normalität erfahren haben. Am 15. Mai wird der Film in vielen deutschen Kinos im Rahmen eines Aktionstags gezeigt, der auch anschließende Diskussionen beinhaltet.

Infos und Trailer zum Film „ Die Kinder der Utopie“

Website des Vereins Mittendrin e.v.

Homepage von Raúl Aguayo-Krauthausen

Kleiner Tipp zum Thema Verschiedenheit als Normalität: ein entzückendes Video der BBC, in dem jeweils zwei befreundete Kinder zu den Unterschieden zwischen ihnen befragt werden.

Weiterer Link zum Thema:

GEW- Materialien und Positionen zur Inklusion

busch01Regelmäßiger Gast am GEW-Stand: Michael Hüttenberger, der frühere Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule. Ich freue mich immer, ihn zu sehen, denn Michael ist ein lebendiger Gegenentwurf zum Vorurteil vom humorlosen Lehrer. Er hat ein beeindruckendes Talent zum Schmieden von Schüttelreimen und Erfinden von Wortspielen, die er mühelos aus dem Ärmel „schüttelt“. Dies verbindet er mit der Kritik an unserem gegliederten Schulsystem, was er auch in einem jetzt neu aufgelegten Buch unter Beweis gestellt hat. Kostprobe:

Lasst uns lautstark demonstrieren,

immer wieder proklamieren

bis zum letzten Wortgefecht:

„Bildung ist ein Menschenrecht!“

Ich kann nur sagen: Dieser Poet spricht mir aus der Seele!

 

Bildnachweis:  GEW-Stände: GEW NRW;  Raúl Krauthauesn und Eva-Maria Thoms mit Peter Meidinger: mittendrin e.V. ;  Materialkompass: Snapschot von der Website der Verbraucherzentrale; Rassismus in der Schule: Auszug aus dem Programmheft des VB Bildungsmedien;  alle sonstigen Fotos: Ilka Hoffmann
 

Annegret Kramp-Karrenbauer und „die armen Kinder“

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Annegret Kramp-Karrenbauer hat die benachteiligten Kinder entdeckt.  In einer aktuellen Rede sagte sie: „Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass Kinder bei uns ausgegrenzt werden“.

Das klingt seltsam aus dem Mund einer Politikerin, die im Saarland seit Jahren die inklusive Bildung ausbremst und die Förderschule Lernen bis in alle Ewigkeit erhalten will.  Dass gerade die Förderschule Lernen im Wesentlichen von Kindern aus benachteiligten Familien besucht wird und als gesellschaftliches Abseits fungiert, ist „AKK“ entgangen. Ihr 2014 in der ZEIT erschienener Artikel macht deutlich wofür sie steht: Inklusion, ja, aber bitte nur bis zu einem gewissen Grad. Der Artikel strotzt vor Klischees und Gemeinplätzen. Internationale Studien und die Forschung hierzulande sind an AKK spurlos vorbeigegangen.

Auf Annegret Kramp-Karrenbauers Artikel habe ich seinerzeit geantwortet. Diese Einschätzung trifft immer noch zu:

Inklusion braucht einen Systemwechsel

 

Valentin Aichele (Deutsches Institut für Menschenrechte) zu Kramp-Karrenbauer

 

 

Foto: Cole Stivers: Girl (pixabay)

 

 

 

 

Besuch aus Südkorea

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In dieser Woche hatten wir in der Frankfurter Geschäftsstelle der GEW Besuch von Lehrerinnen für Sonderpädagogik aus Südkorea.  Der Leiter unserer Abteilung für Internationales, Manfred Brinkmann, hat  den gewerkschaftlichen Teil der Bildungsreise organisiert und die Kolleginnen vor Ort betreut.

Die Reise war von den südkoreanischen Behörden gefördert worden. Außer in Frankfurt haben die jungen Kolleginnen auch in Holland und Belgien Station gemacht. Ziel der Reise war es, sich mit Lehrkräften vor Ort über sonderpädagogische Förderung und Inklusion auszutauschen.

Insgesamt waren drei Teams in Europa und den USA unterwegs. Das Team, das uns besucht hat, hatte die spezielle Aufgabe, sich auch über gewerkschaftliche Interessenvertretung zu informieren. Alle Teams werden umfangreiche Dokumentationen ihrer Reisen erstellen und diese in der Heimat in entsprechenden Veranstaltungsformaten präsentieren.

Ich war sehr beeindruckt von der Wissbegierde der jungen Kolleginnen und fand es auch beachtlich, dass eine solche Reise von offizieller Stelle gefördert wird. Der Gedanke, dass man mal über den Tellerrand des eigenen Landes und der eigenen Lehr-Lern-Gewohnheiten hinausblickt, könnte sicher auch für das deutsche Bildungswesen eine befruchtende Wirkung entfalten.

Interessant war für mich die Reaktion der Gäste, als ich ihnen von dem Lehrdeputat von Lehrkräften und der Arbeitsbelastung von SchulleiterInnen berichtet habe. Großes Erstaunen: 28 Stunden Unterrichtsverpflichtung? Müssen SchulleiterInnen wirklich auch selbst unterrichten?

Hintergrund der Verwunderung: In Sükorea beträgt die wöchentliche Unterrichtsverpflichtung im Durchschnitt 16 Stunden. Wer in der Schulleitung tätig ist, ist selbstverständlich vom Unterricht freigestellt, erhält eine spezielle Ausbildung und eine deutlich höhere Vergütung als einfache Lehrkräfte. Die Folge: Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Südkorea weder einen Lehrkräftemangel, noch kennt das Land Schwierigkeiten bei der Besetzung von Schulleitungen. Auf der anderen Seite waren die Kolleginnen erstaunt, dass es in Deutschland an jeder Schule eine Personalvertretung gibt. Hier scheint es in Südkorea noch Entwicklungsbedarf zu geben. Umso bemerkenswerter ist es allerdings, dass das Sammeln von Erfahrungen in diesem Bereich von staatlicher Seite gefördert wird.

Was die pädagogische Arbeit anbelangt, ist Südkorea auch kein reines Schlaraffenland. So beklagten die Kolleginnen, dass es keine Möglichkeit gibt, die Leistungsanforderungen und Bewertungen von Lernenden mit sonderpädagogischem Förderbedarf an deren Leistungsvermögen anzupassen. Einen Nachteilsausgleich kennt man in Südkorea nicht. Alle Kinder und Jugendliche müssen zur gleichen Zeit das Gleiche leisten. Dies führt für alle Lernenden zu einem enormen Leistungsdruck, was die guten PISA-Ergebnisse des Landes in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt. Denn der Bildungserfolg ist in dem System davon abhängig, ob man sich die teuren Nachhilfeeinrichtungen leisten kann – und ob die Lernenden der Rund-um-die-Uhr-Belastung physisch und psychisch standhalten.

Darüber hinaus hat der enorme Leistungsdruck zur Folge, dass Lernende mit Handicaps überdurchschnittlich häufig auf Sonderschulen landen. Das ist auch deshalb besonders problematisch, weil es in Südkorea keinerlei berufsfördernde Maßnahmen für diese Lerngruppe gibt, so dass die meisten nach der Schule einfach zu Hause herumsitzen. Auf der anderen Seite konnten die Kolleginnen mit dem Begriff „Lernbehinderung“ überhaupt nichts anfangen. Wer Probleme mit dem Lernen hat, gilt nicht als behindert und wird demzufolge auch nicht auf Sonderschulen überwiesen.

Südkorea ist derzeit dabei, das Schulsystem inklusiv umzugestalten. Interessanterweise entstehen dabei teilweise ähnliche Probleme wie derzeit in Deutschland. So fühlen sich viele sonderpädagogische Fachkräfte bei der Arbeit an Regelschulen als „fünftes Rad am Wagen“. Die Kommunikation mit den Regelschulkräften erweist sich oft als schwierig. Dies liegt zum einen an der straffen Leistungsorientierung, in der sonderpädagogischer Förderbedarf nicht vorgesehen ist. Zum anderen ist die Rolle von „experts for special education“ in der Inklusion noch nicht klar definiert.

Als besonderes Problem wurde von den Kolleginnen die fehlende Unterstützung im Falle verhaltensauffälliger Schüler herausgestellt. Wie bei uns gibt es in diesem Bereich viel zu wenige schulpsychologische und sozialpädagogische Fachkräfte.

Den Austausch mit den Kolleginnen aus Südkorea habe ich als sehr bereichernd erlebt. Auch für mich war es sehr hilfreich, die deutsche Bildungslandschaft einmal im Spiegel eines anderen Landes zu betrachten.

Solidarität, Vielfalt und Gerechtigkeit im Arbeitsfeld Schule

Die Maikundgebungen 2018 standen unter dem Motto Solidarität – Vielfalt – Gerechtigkeit. Dieser Dreiklang fasst die Zielsetzung einer inklusiven Entwicklung der Gesellschaft schlagwortartig zusammen. Wir Gewerkschafter*innen würden keinen dieser starken und auch emotional bedeutsamen Begriffe in Frage stellen. Auf der abstrakten und programmatischen Ebene sind sie unumstritten. Schwieriger wird es, wenn wir diese Begriffe auf die konkrete „Arbeitsebene“ herunterbrechen und sie in spezifischen Bereichen zur Grundlage der gewerkschaftlichen und praktischen Arbeit machen wollen.  Ich habe in der gewerkschaftlichen Online-Zeitschrift Denk doch mal versucht, diese Begriffe auf das Arbeitsfeld Schule zu beziehen – unter der Perspektive der gewerkschaftlichen Interessenvertretung:

Artikel

Die Band The Tap Tap aus Tschechien: Inklusion durch Musik

The Tap Tap

Im Februar 2017 wurde in Hamburg der Inklusionsaktivist Michel Arriens aus dem Bus geworfen. Angeblich stellte der Elektroscooter, den er aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit benötigt, ein Sicherheitsrisiko dar. Erst nach massiven öffentlichen Protesten in den sozialen Medien fanden die Hamburger Verkehrsbetriebe plötzlich doch eine Lösung für das Problem.

Ein in Tschechien sehr erfolgreicher Song widmet sich in ironischer Weise einer ähnlichen Problematik. Er stammt von der Band The Tap Tap, die sich ausschließlich aus Menschen mit Handicaps zusammensetzt. Die Band wurde 1998 auf Anregung des Sozialarbeiters Šimon Ornest ins Leben gerufen. Von Anfang ging es darum, die befreiende Wirkung des eigenen Musizierens mit gesellschaftlichem Engagement für die Sache der Inklusion zu verbinden. Dies zeigte sich auch auf dem ersten Album, das die Gruppe 2010 herausbrachte (Párty na kolečkách – ‚Party auf Rädern‘). Darauf findet sich u.a. ein beeindruckendes Remake des Songs Rehab von Amy Winehouse.

2011 veröffentlichte die Band den Song Řiditel autobusu, der es im Netz auf rund 10 Millionen Clicks gebracht hat. Im Mittelpunkt des Liedes steht ein Mensch, der im Alltag auf eine Gehhilfe angewiesen ist. Da diese Person im Video zu dem Song mit einem Mitglied der Band (Marek Valenta) identifiziert wird, darf man wohl davon ausgehen, dass darin auch eigene Erfahrungen verarbeitet werden.

In Song und Videoclip hat der Protagonist seinen Rollstuhl in ein Spezialfahrrad umgewandelt, das ihm die Fortbewegung erleichtert. Als er damit jedoch in einen Bus einsteigen möchte, verweigert der Busfahrer ihm den Zutritt: Diese Gehhilfe sei in Wahrheit ein Fahrrad, Fahrräder seien aber von der Beförderung ausgeschlossen. (Passend zu dem Song bezeichnet der Bandname in Haiti die als öffentliche Verkehrsmittel benutzten, meist bunt bemalten Pick-ups und Kleinbusse.)

Der Song besteht im Kern aus dem Dialog, der sich in der Folge zwischen dem Busfahrer und dem abgewiesenen Fahrgast entfaltet. Während Letzterer rein sachlogisch argumentiert und auch die Beförderungsbedingungen – die Fahrräder für zulässig erklären, wenn sie wie eine Gehhilfe benutzt werden – auf seiner Seite hat, beharrt der Fahrer darauf, in seinem Bus selbst über die Zulassung und den Ausschluss von Passagieren zu entscheiden.

Im Videoclip träumt der Busfahrer sich dabei in die Rolle eines Popstars oder eines paramilitärischen Verteidigers der Ordnung hinein. Dadurch wird deutlich, dass es ihm letztlich gar nicht um die Einhaltung der Regeln, sondern vor allem um die Auskostung seiner Macht geht – weshalb er auch nicht als Busfahrer (řidič autobusu), sondern als Chef bzw. „Führer“ des Busses (řiditel autobusu) charakterisiert wird. So zeichnet der Song in ihm ein karikatureskes Psychogramm jener kleingeistigen Bürokraten, denen die Einhaltung abstrakter Regeln und Vorschriften wichtiger ist als die gelebte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft.

Links:

Videoclip: The Tap Tap – Řiditel autobusu

(Song aus: The Tap Tap v Opeře – Mikulášská, 2011)

 

Videoclip mit englischen Untertitel

Liedtext

Weitere Songs von The Tap Tap auf bandzone.cz (Rehab: Párty na kolečkách, Nr. 02)

Band-Infos:

The Tap Tap Orchestra; Video von TRT World, englisch; Showcase, 11. Juli 2017.

Zimmermann, Marco: The Tap Tap – Lebensfreude für Musiker und Publikum; Radio Praha (auf  Deutsch), 20. Januar 2013.

Übersetzung (Dieter Hoffmann):

Der Bus-Führer

Mein neuer Rollstuhl ist so schnell wie der Wind und so stark wie ein Stier,
mit ihm fühlt sich die Welt wie ein ewiger Grillabend an,
ich habe wieder neuen Schwung, ich fühle mich, als wäre ich mindestens 1,60 Meter groß
und bin ganz im Reinen mit mir.

Das ist doch kein Rollstuhl, Bürschlein, das ist ein verdammter Fake!
Das ist ein Fahrrad, und Fahrräder sind im Bus nicht erlaubt.
Wer ein Fahrrad hat, muss draußen bleiben,
also tschüss und auf Wiedersehen!
 
Ich bin der Bus-Führer,
hier gelten meine Regeln und meine Gesetze.
 
Du bist der Führer in diesem Bus,
einem Bus, der in Richtung der Station „Ärger“ fährt.

Fahrräder sind hier nicht erlaubt, hier steht’s schwarz auf weiß,
zwing mich nicht, deutlicher zu werden!
Wenn du nicht gleich verschwindest,
kannst du dich auf was gefasst machen,
Querulanten wie dich werde ich hier nicht dulden!
 
Nur weil meine Schuhe kleiner sind als deine, habe ich nicht weniger Rechte als du!
Also denk mal drüber nach:
Nur weil irgendwo etwas schwarz auf weiß steht, ist die Realität noch lange nicht schwarz und weiß.
Was für dich wie ein Fahrrad aussieht, ist für mich eine Fortbewegungshilfe!

Du bist der Führer in diesem Bus,
aber die Welt besteht nicht nur aus Busspuren!

Ich bin der Bus-Führer,
komm mir nicht mit deinem verdammten Fahrrad in die Quere!
Fahrrad bleibt Fahrrad,
daran ist nichts zu ändern.
Dummkopf bleibt Dummkopf –
manche haben kurze Beine, manche sind etwas schwer von Begriff.
Fahrrad bleibt Fahrrad,
deine Argumente sind völlig aus der Luft gegriffen.
Dummkopf bleibt Dummkopf  –
wer sich auf das Regelwerk beruft, sollte es besser selbst genauer lesen!
 
Beförderungsbedingungen, Artikel 6, Paragraph 15:

Andere Fortbewegungshilfen werden wie Rollstühle behandelt, wenn sie diesen in Größe und Gewicht entsprechen.

Ich möchte keine vorschnellen Schlüsse ziehen
und ich will auch keinen Streit,
ich fordere nur das ein, was mir zusteht, verstehst du?
Menschen wie ich sind doch keine Märchengestalten,
wir sitzen im selben Boot wie du, also schmeiß uns nicht über Bord!

Wenn ich dich mit deinem Fahrrad hier reinlasse, büße ich meine ganze Autorität ein.
Da könnte ja jeder kommen!
Regeln sind Regeln, das kapiert sogar der dümmste Dorfdepp.
Wenn du eine Ausnahme willst, dann beschwer dich doch bei Schneewittchen, [du Zwerg]!
 

Ich bin der Bus-Führer,
wende dich doch an Gott, wenn du willst.
 
Du bist der Führer in diesem Bus,
und nächstes Mal nimmst du mir wahrscheinlich meinen Stock oder meine Prothese weg!

Ich bin der Bus-Führer,
komm mir nicht mit deinem verdammten Fahrrad in die Quere!
Fahrrad bleibt Fahrrad,
daran ist nichts zu ändern.
Dummkopf bleibt Dummkopf –
manche haben kurze Beine, manche sind etwas schwer von Begriff.
Fahrrad bleibt Fahrrad,
Dummkopf bleibt Dummkopf  –
wer sich auf das Regelwerk beruft, sollte es besser selbst genauer lesen!

Bild: Logo von The Tap Tap