Die Coronakrise als Vergrößerungsglas

Die Coronakrise hat überdeutlich gemacht, dass man eben nicht alle Kinder und Jugendlichen über einen Kamm scheren kann, dass Bulimie-Lernen nichts bringt und es Wichtigeres gibt als zentrale Prüfungen und abfragbares Wissen. Ich höffe wir lernen daraus, dass das Gesamtsystem gerechter werden muss und Sozial- und Bildungspolitik ineinandergreifen. Inklusion ist kein Randthema, sondern das Topthema für die Zukunft!

Hier mein Artikel in der GEW-Zeitung dazu:

Schulische Abseitsfalle

Auch hier spielte das Thema eine Rolle.

ZDF-Zoom: Schulen im Corona-Stress

 

 

 

 

Corona-Lernen für Motzkys

Ein paar praktische Tipps für das Lernen zu Hause

 

Am vergangenen Sonntag habe ich hier ein paar Praxis-Tipps zum Homeschooling für Grundschulkinder in der Corona-Krise gepostet. Darauf hat mir eine pubertätsgeplagte Mutter geschrieben:

„Liebe Ilka, vielen Dank für Deine Tipps. Die Spiele sind alle ganz nett, ich habe sie auch schon mit meiner 9-jährigen Tochter ausprobiert. Die Kleine kommt allerdings sowieso ganz gut mit der Situation zurecht. Probleme bereitet mir eher mein 14-jähriger Mister Motzky, auf dessen Uncool-Hitliste ich selbst und die Schule ganz oben stehen. Hättest Du da vielleicht auch ein paar Tipps?“

Probleme des Corona-Homeschoolings
Käpt’n Blaubär und seine Pubi-Crew
Virtuelle Reise
Querschnitt- und Längsschnitt-Themen
Studieren und probieren
Anwendungsbezogenes Lernen: Fremdsprachen, Deutsch, Geschichte und Politik
Fremdsprachen
Deutsch
Geschichte
Politik
Das Wunder vor der Haustür
Ergänzende Links
Link-Sammlungen zu Online-Lernangeboten
Pädagogische Einordnungen von Online-Spielen

Probleme des Corona-Homeschoolings

school-3666924_1920 (2)YassayIch muss zugeben, dass ich mir mit den Grundschulkindern in der Tat das dankbarere Publikum ausgesucht habe. Vielleicht habe auch ich beim ersten Schock über das Ausmaß der Krise instinktiv Zuflucht bei etwas Nettem, Erbaulichem gesucht. Und die geballte Ablehnungsfront der Mister Motzkys ist da eben nicht das Erste, was einem einfällt.
Für diese Klientel Tipps zu geben, ist aber noch aus einem anderen Grund schwieriger als bei Grundschulkindern. Schreiben, lesen und rechnen lernen muss jeder. Eltern können daher nichts falsch machen, wenn sie hier spielerisch ein bisschen nachhelfen. Bei Jugendlichen in der Sekundarstufe ist eine solche Einheitlichkeit dagegen nicht gegeben. Jedes Bundesland setzt in den Lehrplänen andere Schwerpunkte, die dann auch von Schule zu Schule wieder unterschiedlich umgesetzt werden.
In der Corona-Krise kommt hinzu, dass die einzelnen Länder auf je eigene Weise auf die Ausnahmesituation reagieren. Mancherorts wird der reguläre Unterricht weiterhin simuliert, indem die Lehrkräfte für jede vorgesehene Unterrichtsstunde entsprechende Materialien versenden. Andernorts wird der Schulausfall eher für Vertiefungs- und Wiederholungsangebote genutzt.
Letztere Vorgehensweise trägt nicht nur der besonderen Lage eher Rechnung, in der alles aus den Fugen gerät und das Festhalten an normalen Unterrichtsabläufen fast schon surreal erscheint. Es hilft auch Lernenden aus sozial benachteiligten Familien, die weit weniger Möglichkeiten haben, den Wegfall der schulischen Unterstützung durch häusliche Förderung zu kompensieren.
In jedem Fall ist es wichtig, die von den Bundesländern gesetzten Rahmenbedingungen zu beachten. Die einzelnen Lehrkräfte können damit zwar kreativ umgehen, sind aber grundsätzlich an die Weisungen von oben gebunden. Hinzu kommt noch etwas anderes: Die Lehrkraft ist keineswegs das Neutrum, das sie dem Namen nach zu sein scheint. Sie fällt nicht irgendwann aus dem großen Lehrkräftehimmel, und ihre ersten Worte sind auch nicht: „Hast du schon deine Hausaufgaben gemacht?“
Auch wenn es manch einen überraschen mag: Hinter jeder Lehrkraft verbirgt sich ein Mensch, der in der aktuellen Krise dieselben außergewöhnlichen Belastungen zu schultern hat wie alle anderen auch. Wer weiß, vielleicht handelt es sich bei der Lehrkraft, mit der man konkret zu tun hat, selbst um eine Mutter. Und vielleicht hat diese Mutter sogar ihrerseits eine Mutter, die in einem ganz anderen Ort lebt, wo sich eine polnische Pflegekraft um sie gekümmert hat – bis die Grenzen geschlossen worden sind und diese Pflegekraft über Nacht in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Nun muss die Lehrkraft, die zugleich Mutter und Tochter ist, zu ihrer Mutter reisen und sich selbst um sie kümmern. Aber was macht sie in der Zeit mit ihren Kindern, die ja sicherheitshalber keinen Kontakt mit der alten Frau haben sollten

Käpt’n Blaubär und seine Pubi-Crew

All diesen Schwierigkeiten zum Trotz haben sich mittlerweile überall im Land dierobinson-crusoe-321688_1920 (2)Herbert Hansen Schulen auf die Krise eingestellt. Dabei haben sich unterschiedliche Herangehensweisen an die Situation herausgebildet, die die neuen digitalen Möglichkeiten auf je eigene Weise nutzen.
Allgemeine Tipps, die überall gleichermaßen angewendet werden können, lassen sich deshalb in diesem Fall nicht formulieren. Was aber möglich ist, ist eine ganz subjektive Ideensammlung: Wie würde ich selbst den Unterricht in der aktuellen Lage organisieren?
Ich stelle mir dafür vor, ich wäre als Käpt’n Blaubär mit einer reinen Pubi-Crew auf dem unermesslichen Schulischen Ozean unterwegs. Unser Ziel sind natürlich die Inseln des Wissens. Kurz vor Erreichen unseres Ziels geraten wir jedoch am Kap der schlechten Noten in einen Sturm. Unser Schiff kentert, und alle Motzkys müssen sich mit Ein-Mann-Gummibooten auf eine der Inseln retten. Jeder gelangt auf eine andere Insel. Dort angekommen, werden die Boote jedoch umgehend von Gummi fressenden Riesenschildkröten vertilgt. Nun ist unsere einzige Kontaktmöglichkeit das Internet.
Glücklicherweise habe ich alle Motzkys mit mobilen, wasserdichten Endgeräten versorgt. Die Kommunikation ist anfangs allerdings ziemlich monoton. Die Nachrichten sind fast gleichlautend. Man bestätigt sich gegenseitig darin, dass es „voll scheiße“ sei hier, weil: „Total tote Hose!“
Daraus ergeben sich für mich zwei zentrale Fragen:

  1. Wie kann ich das Insel-Dasein meiner Crew-Mitglieder überbrücken und trotz allem gemeinsame Lernprozesse organisieren?
  2. Wie kann ich in der besonderen Situation vermitteln, dass das Bemühen um geistige Nahrung überhaupt noch Sinn hat oder gar Spaß machen kann? Denn natürlich haben die Neu-Insulaner in ihrer Lage ganz andere, existenziellere Probleme, wie zum Beispiel: Wie mache ich hier ein cooles Instagram-Foto? Oder: Wo bekomme ich hier Chips und Kaugummis her?

Virtuelle Reise

Eine Reihe von Themen lässt sich mit fächerübergreifenden Herangehensweisen bearbeiten. Dies ist in der aktuellen Situation insofern hilfreich, als man so ohne eine storytelling-4203628_1920 (2)TumisuSimulation des Fachunterrichts verschiedene Fachbereiche abdecken kann.
In der speziellen Inselsituation meiner Motzky-Crew könnte ich mir etwa vorstellen, dass eine virtuelle Reise motivierend sein könnte. Dafür wird gemeinsam ein Land ausgewählt, in das man dann per Netzrecherche reist. Die Recherche erfolgt dabei auf der Basis diverser Unterthemen, zu denen sich einzelne Gruppen zusammenfinden. Die Unterthemen können sich auf verschiedene Regionen des betreffenden Landes beziehen, aber auch auf Geschichte, Musik, Religion, unterschiedliche ethnische Gruppen usw.
Durch die Arbeit in Gruppen ist eine doppelte Differenzierung möglich: zum einen nach Interesse bei der Themenwahl, zum anderen aber auch innerhalb der Gruppen, indem die einzelnen Gruppenmitglieder die Komplexität der von ihnen zu bearbeitenden Fragestellung je nach Motivation und geistigem Appetit wählen. Die Gruppen können sich so selbst regulieren, motiviertere die weniger motivierten Lernenden mitziehen. Die Lehrkräfte sind bei dieser Arbeitsweise nicht dominant, stehen den Recherchierenden jedoch in allen Etappen des Lernprozesses beratend zur Seite.
Die einzelnen Gruppen erarbeiten in ihren Netzforen eine Präsentation der von ihnen gewählten Aspekte. Am Ende wird diese ins Netz gestellt und von allen gemeinsam diskutiert. Um die Diskussion zu vertiefen und auf eine gesicherte Grundlage zu stellen, sollten die Gruppenmitglieder zu ihren Unterthemen jeweils auch Verständnisfragen formulieren. Auch sollte jeweils angeregt werden, die Bezüge zu den anderen Unterthemen herzustellen.

Querschnitt- und Längsschnitt-Themen

Viele Themen lassen sich als Längs- und als Querschnitt-Thema bearbeiten. Ein Beispiel für ein Querschnitt-Thema wäre etwa „Die Französische Revolution“. Dafür schließen sich die einzelnen InsulanerInnen zu Untergruppen zusammen, die sich jeweils mit einzelnen Aspekten der Thematik beschäftigen: Verlauf der Revolution, Auswirkungen auf das übrige Europa, Kult der Vernunft, Kaisertum vs. Egalitätsgedanke, der Code Napoléon, Empire-Kleidung, Musik der Zeit usw.
Ein anderes mögliches Querschnitt-Thema könnte sein: „Der brasilianische Regenwald“. Denkbare Unterthemen: Ökosystem Regenwald, Bedeutung des Regenwaldes für das Weltklima, Indigene Völker im brasilianischen Regenwald, Fauna des Regenwaldes, Flora des Regenwaldes, Regenwald und aktuelle brasilianische Politik, der Regenwald als sozioökonomisches Konfliktfeld.
Beispiele für Längsschnitt-Themen wären etwa: „Die Kleidung im Wandel der Zeit“ oder „Revolutionen“. Die Untergruppen beschäftigen sich hier zum einen mit verschiedenen historischen Ausprägungen der Thematik, zum anderen aber auch mit den allgemeineren Menschheitsfragen, die mit ihnen zusammenhängen. Im Falle der Kleidungsthematik zum Beispiel: „Kleidung und Schamgefühl“, „Kleidung und soziale Unterschiede“, „Kleidung und Geschlecht“, „Kleidung und Alter“ usw.
Bei der Revolutionsthematik könnten die allgemeineren Unterthemen etwa sein: „Auslöser von Revolutionen“, „Arten von Revolutionen“, „Verlauf von Revolutionen“, „Revolution und soziale Bewegungen“, „Revolution und soziale Unterschiede“ usw.
Querschnitt- und Längsschnitt-Herangehensweise lassen sich auch gut miteinander kombinieren. Beim Revolutionsthema könnten etwa zuerst arbeitsteilig verschiedene historische Revolutionen untersucht werden. In einem zweiten, vertiefenden Arbeitsschritt könnten dann in neu zusammengesetzten Gruppen die zeit- und kulturübergreifenden Aspekte von Revolutionen erarbeitet werden. Für gewöhnlich wird der zweite Arbeitsschritt, im Sinne eines spiralförmigen Curriculums, allerdings erst mit älteren Sekundarschülern in Angriff genommen werden, da er deutlich anspruchsvoller ist als der erste.
Zu allen Themen kann abschließend ein gemeinsamer Film ins Netz gestellt und/oder ein gemeinsames Heft gedruckt werden. Dies ist für alle noch einmal ein sicht- und anfassbares Produkt der gemeinsamen Arbeit. In 50 Jahren können es die heutigen Corona-Insulaner dann ihren Eltern zeigen: „Guck mal, was Opa und Oma damals während der Pandemie gemacht haben …“

Studieren und probieren

Optimisten können durchaus davon ausgehen, dass das Leben in einer Insel-Situation school-2353406_1920 (2)Gerd Altmann„fade“ genug ist, um sich auch mal den sonst als „Pippifax“ verschmähten Lernspielen zuzuwenden. In der Tat gibt es hier mittlerweile auch ein paar „peppigere“ Angebote, die von Mr. und Mrs. Motzky vielleicht eher angenommen werden als die üblichen Arbeitsblätter.
Für Mathematik finden sich etwa zahlreiche Spiele-Angebote auf matheretter.de. Besonders aktuell: Das Spiel Math attack, bei dem die Lernenden die richtigen Ergebnisse „abschießen“ müssen, um ihr Immunsystem vor dem Angriff von Viren zu schützen.
In Fällen, in denen es nicht um das reine Auswendiglernen von Formen und Formeln geht, sollte allerdings darauf geachtet werden, dass das Erlernte immer möglichst zeitnah angewendet werden kann. Ansonsten darf man sich nicht wundern, wenn Mister Motzky die erwartbare Frage stellt: Was soll ich damit auf meiner Insel?

Anwendungsbezogenes Lernen: Fremdsprachen, Deutsch, Geschichte und Politik

Fremdsprachen

 Eine nahe liegende Möglichkeit des anwendungsbezogenen Lernens, ist im Bereich der Fremdsprachen das Übersetzen von Lieblingssongs. Für viele davon wird es auf den einschlägigen Seiten bereits Vorschläge geben. In einem solchen Fall kann die eigene Version mit der im Netz abgeglichen werden.
Auf Lyricstranslate.com lässt sich sowohl unter der Kategorie „Länder“ als auch unter der Kategorie „Musiker/Bands“ nach Übersetzungen suchen – und natürlich können dort auch eigene Übersetzungen eingestellt werden. Außerdem gibt es eine Chat-Funktion, über die sich Übersetzungen diskutieren lassen. Mutige können das Übersetzen auch mit einer Karaoke-Seite verbinden und eine eigene Version des Songs vortragen. Das Selber-Singen hat den großen Vorteil, dass sich dabei die gelernten Vokabeln und Strukturen besser im Gehirn verankern.
Anwendungsbezogen ist auch das Chatten mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern. Hierfür gibt es im Internet eigene Portale, über die sich auch ganze Gruppen und Klassen miteinander vernetzen können (Beispiel: Chat der Welten).

Deutsch

 Viele Elemente des Deutschunterrichts lassen sich in das gemeinsame Schreiben einerread-515531_1920 (2)Ina Hall Geschichte integrieren. Irgendjemand gibt einen möglichst anregenden Anfang vor, dann wird reihum oder auch in chaotischer Abfolge weiter daran geschrieben. Der Lehrer-Lerncoach muss nicht unbedingt als Spaßbremse fungieren, wenn er dabei hin und wieder Tipps gibt. Adjektiv-Inflationen zu vermeiden, liegt dann ja im Interesse aller Beteiligten – die sich so ganz nebenbei über Wesen, Sinn und Unsinn einzelner Wortarten Gedanken machen.
Bei der Wahl einer gemeinsamen Lektüre ist es sicher hilfreich, auf die aktuelle Situation Bezug zu nehmen. Ein besserer Augenblick, um Albert Camus‘ Roman Die Pest zu lesen, wird sich kaum finden lassen. Dies gilt nicht nur wegen der epidemiologischen Parallelen, sondern gerade auch wegen der komplexen Auswirkungen auf das Sozialgeschehen, die Camus parallel zu der Beschreibung der Seuche thematisiert.
Ja, ich weiß: Camus ist Franzose. Aber sind wir nicht alle froh, wenn Motzky und Co sich überhaupt mal für Sätze begeistern lassen, die über Twitter-Länge und WhatsApp-Kürzel hinausgehen? Können wir dafür nicht auch mal eine Übersetzung aus einer anderen Sprache in Kauf nehmen?
Den Roman gibt es als kostenlosen PDF-Download bei epdf.pub. Dort findet sich auch ein Band mit Erläuterungen und Materialien von Frausing Vosshage.

Geschichte

antiquity-2673394_1920 (2)MWSolange es noch keine vollständigen Ausgangssperren gibt, lässt sich Geschichte überall hautnah erleben. Ritterburgen, Spuren römischer Grenzanlagen, Siedlungen und Straßen oder die in die Stadtform eingegrabenen alten Stadtmauern lassen sich aber auch leicht im Internet auffinden. So kann der Blick auf den eigenen Nahbereich im wahrsten Sinne des Wortes vertieft werden.
Eine andere Möglichkeit, tote Geschichte zum Leben zu erwecken, ist das Reenactment. Dabei werden bestimmte historische Konstellationen mit Originalrequisiten und möglichst auch an Originalschauplätzen nachgestellt. Dies ist in der aktuellen Situation natürlich nicht möglich. Allerdings gibt es im Netz auch entsprechende Spiele, durch die man sich in historische Situationen hineinversetzen kann. Vielfältige Anregungen und Wochenpläne bietet die Lernplattform für offenen Geschichtsunterricht.
Eine weitere Möglichkeit ist das historische Kochen. Rezepte von Gerichten im alten Rom oder aus dem Mittelalter sind problemlos im Netz zu finden. Da die Geschmäcker von alten Römern und mittelalterlichen Rittern nicht unbedingt Pizza- und Hotdog-kompatibel sind, sollte allerdings nur in homöopathischen Dosen gekocht werden. Die Vergangenheit auf der eigenen Zunge zu schmecken, ist auch so möglich.
Kulinarische Genüsse aus dem Mittelalter gibt es bei geschichte-wissen.de. Römische Gaumenschmeichler finden sich auf imperiumromanum.com.

Politik

Parteiengründungen und verschiedene Formen von Wahlen, aber auch der Ablauf von Tarifverhandlungen lassen sich auch im Familienkreis durchspielen. Ja, in der Regel braucht man dafür größere Gruppen, die bei Ausgangssperren schwer zusammenzubekommen sind. Wenn die Familie groß genug ist, lassen sich Wahlen aber auch daheim simulieren. Denn es geht ja nicht um das tatsächliche Wählen, sondern um das Spielen von Wahlen. Und dabei können Einzelne eben auch verschiedene Rollen einnehmen.
Natürlich finden sich auch im Netz anregende Angebote zum Einüben demokratischer Grundprinzipien. Ein schönes Beispiel ist das von Planet-schule entwickelte Online-Game Der Kanzlersimulator, das sich auch allein spielen lässt. Kanzlerinnen sind dort zwar überraschenderweise nicht vorgesehen, aber bestimmte Prinzipien wie Aufstellung eines Wahlprogramms, Wahlwerbung und Koalitionsbildung können dennoch gut nachvollzogen werden – und: das Spiel hat einen hohen Spaßfaktor!
Der Problematisierung der Grundvoraussetzung von politischer Bildung sowie von Informations- und Meinungsfreiheit dient das Spiel Fake it to make it. Das von der Amerikanerin Amanda Warner entwickelte Spiel ist vor dem Hintergrund des aktuellen US-Wahlkampfs von besonderer Aktualität.
Um Klimapolitik im weitesten Sinne geht es in dem von Professor Klaus Eisenack, Umweltökonom an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, koordinierten Planspiel Keep cool. Dabei schlüpfen die Mitspielenden selbst in die Rollen von Entscheidungsträgern der großen Metropolen und können so ein Gefühl für die Komplexität der Klimaproblematik entwickeln.
In Flüchtlingsschicksale hineinversetzen kann man sich in dem Online-Spiel Last Exit Flucht. Das vom Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen angebotene Spiel hilft dabei, Flucht und Vertreibung nicht nur als Nachrichtenmeldung und „Problem der anderen“ wahrzunehmen.

Das Wunder vor der Haustür

Auch über der abgelegensten Insel wölbt sich das Firmament. Und vielleicht ist es ja in milky-way-4451281_1920 (2)Evgeni Tcherkasskiapokalyptischen Zeiten nicht die schlechteste Idee, sich Dingen zuzuwenden, denen der Weltuntergang nichts anhaben kann.
Der Sternenhimmel lässt mich damit ebenso an Andreas Gryphius‘ Endzeitgedichte aus dem Dreißigjährigen Krieg denken wie an die Astronomie. Beides hat mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn die Astronomie wird zwangsläufig immer zu den letzten Dingen führen: zu jener Wand aus Nebellicht in Milliarden Lichtjahren Entfernung, die auch das stärkste Teleskop nicht durchdringen kann; aber auch zu jenen unvorstellbar kleinen und kleinsten Teilchen, aus denen sich das Universum zusammensetzt.
So genügt ein nächtlicher Blick aus dem Fenster, um Ansporn für die Beschäftigung mit Physik und Chemie, mit Mathematik und Religion zu haben. Und wenn es mal zu bewölkt ist oder die Lichtverschmutzung in der Stadt den Blick auf den Sternenhimmel versperrt, gibt es im Netz faszinierende Seiten mit beeindruckenden Einblicken in ferne Galaxien.
Bei Eso.org finden sich zahlreiche Fotos und Erläuterungen von Aufnahmen des European Southern Observatory. Die Website Astronomieonline wendet sich ausdrücklich auch an Jugendliche, die sich auf Entdeckungsreise im Universum begeben wollen. Sie bemüht sich dafür explizit um Verständlichkeit und Übersichtlichkeit.
Für die Mathematik gilt zudem: Auch auf der kleinsten Insel gibt es eine unermesslich große Welt an Formen und Zahlen. Man muss nur den Blick dafür schärfen, schon ist die ganze Welt ein einziges mathematisches Wonderland.
Dieser Idee folgt auch der an der Universität Bayreuth (am Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik) von Werner Heubeck und Edgar Höniger entwickelte  „Mathe-Beutel“ ist als PDF-Download mit Bastel-Anleitungen im Netz verfügbar, kann aber auch als fertiges Produkt bei der Traudl Riess KG für Werklehrmittel bestellt werden.
Wer einen Garten oder ein kleines Wiesenstück vor der Haustür hat, kann das Wunder des Lebens noch auf eine andere Weise entdecken. Im kleinsten Erdklumpen lassen sich, den richtigen Blick und das richtige Werkzeug vorausgesetzt, tausend spannende Dinge entdecken. Mikroorganismen, die Struktur der Erde, die verschiedenen Arten von Moosen und Flechten: Das alles kann ein Einstieg in die Welt der Biologie und der Geologie sein. Vielfältige Anregungen zu diesem Themenfeld bietet die Broschüre Blickpunkt Boden. Materialien für einen fächerübergreifenden Unterricht, die von der oberösterreichischen Akademie für Umwelt und Natur entwickelt worden ist (als PDF-Download im Netz verfügbar)

Ergänzende Links

Wie man sieht, lebt auch in Ilkas Griffelkasten kein Universalgenie. Als alte Blaubär-Kapitänin bin ich aber auch eine große Anhängerin des Kompasses, der die Richtung weist, ohne das Ziel vorwegzunehmen.
Ein kleiner Blog-Eintrag wie dieser kann eben immer nur ein paar Denkanstöße und Anregungen geben, und natürlich ist er höchst subjektiv. Deshalb gibt es hier zum Abschluss noch eine kleine Liste mit weiterführenden Link-Sammlungen. Per Schneeballprinzip gelangt man so leicht zu allen möglichen anderen Sammlungen von Tipps und Materialien, von denen es im Netz erfreulich viele gibt. Nicht wenige Angebote sind auch ausgesprochen kurzweilig. Auch dies mag den einen oder anderen Motzky vielleicht zumindest vorübergehend gnädig stimmen.

Link-Sammlungen zu Online-Lernangeboten:

learn-977545_1920 (2)Karlhh

Tipps für Lernplattformen und Apps der GEW

Medienpakete von Planet Schule und Schule daheim

Übungsmaterialien zu Mathematik, Englisch und Deutsch bei unterricht.de

Pädagogische Einordnungen von Online-Spielen:

Empfehlungen von Online-Spielen auf dem Informations-Portal zur politischen Bildung

Game- Empfehlungen des österreichischen Ministeriums für Jugend, Arbeit und Familie

Online-Spiele-Check bei spieleratgeber-nrw.de

 

Bildnachweise: Alle Bilder von Pixabay. Titelbild: Gerd Altmann: Social Media; Teaser: scharpmbtr: Lernen; 1. Yassay: Schule; 2. Herbert Hansen: Robinson Crusoe; 3. Tumisu: Storytelling; 4. Gerd Altmann: I love maths; 5. MW: Antiquity; 6. Evgeni Tcherkasski: Milchstraße; 7. KarlHH: E-Learning

Corona-Homeschooling

Ein paar praktische Tipps für Eltern von Grundschulkindern

Die Entwicklungen rund um das Coronavirus haben uns in der vergangenen Woche regelrecht überrollt. Mit den am Freitag verfügten bundesweiten KITA- und Schulschließungen konnte vor einer Woche noch niemand rechnen. So hatten auch die Lehrkräfte kaum Zeit, um die Kinder auf häusliches Lernen vorzubereiten. Und die Eltern hatten zunächst auch ganz andere Sorgen, als eine eigene kleine „Homeschool“ einzurichten.
Am naheliegendsten ist es natürlich, jetzt die Möglichkeiten digitalen Lernens zu nutzen. Für ältere Kinder und Jugendliche, die schon versiert genug im Umgang mit Internet-Recherche und digitalen Lernformaten sind, ist das sicher auch eine sinnvolle Ergänzung. Bei jüngeren Kindern, die erst noch den richtigen Umgang mit den neuen Medien lernen müssen, reicht der Verweis auf Computer und Internet jedoch nicht aus. Sie brauchen noch mehr Anleitung und Ansprache. Außerdem müssen sie ihre Umwelt auch noch viel stärker ertasten und erkunden, beschnuppern und beäugen können, was alles eben auch den Rückgriff auf die guten, alten analogen Lernformen erfordert.
Deshalb gibt es für diese Zielgruppe an dieser Stelle ein paar Tipps, wie man mit der unerwarteten Situation umgehen kann. Natürlich bin auch ich, wie alle anderen, von der Situation überrascht worden. Die Tipps sind deshalb auch nur als grobe Orientierung gedacht, als eine Art Kompass, der dabei helfen soll, sich überhaupt erst mal auf den Weg zu machen. Und natürlich gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel! Im Zuge des Aus- und Herumprobierens werden sich eigene Lehr-Lernerfahrungen ergeben, die sich mit anderen teilen und diskutieren lassen – woraus sich am Ende ein für alle Beteiligten fruchtbarer Lernprozess ergeben kann.

Allgemeine Tipps

  1. Überfordern Sie Ihre Kinder nicht! Orientieren Sie sich an dem aktuellen Lernstoff, wie er sich aus den Empfehlungen und Lernangeboten der LehrerInnen ergibt. Die Aufgaben der Schule haben erste Priorität.
  2. Lernen Sie regelmäßig mit Ihren Kindern, ohne aber den Schulalltag zu imitieren! Machen Sie aus dem Lernen ein Spiel, und nutzen Sie das Lernpotenzial der Spiele.
  3. Legen Sie den Schwerpunkt auf das eigene Tun der Kinder! Fertigen Sie mit ihnen gemeinsam Lernspiele an, und ermuntern Sie die Kinder, dafür auch eigene Vorschläge zu machen. Die kreative Gestaltung der Lernspiele ist selbst bereits ein wichtiger Teil des Lernprozesses.
  4. Führen Sie mit Ihren Kindern ein Lerntagebuch! Kinder, die noch nicht schreiben können, können Ihre Lernerfahrungen malen, ältere Kinder können sie in kurzen Worten zusammenfassen. Lerntagebücher erleichtern es Ihren Kindern, sich die Lerngegenstände, im Wortsinn, „anzueignen“, sich also vertiefend damit auseinanderzusetzen und sie so zu einer eigenen Lernerfahrung zu machen. Für Sie selbst ist das Lerntagebuch eine Gelegenheit, Ihre „LehrerInnenrolle“ kurzzeitig abzulegen und sich anderen Dingen zu widmen.

Tipps für Lernspiele

  1. Memory/Domino: Insbesondere dort, wo es darum geht, Verbindungen zwischen Wort- oder Zahlenkombinationen auswendig zu lernen, bieten Memory und Domino spielerische Lernmöglichkeiten. Dabei wird jeweils ein Teil des Lerninhalts auf die eine Karte bzw. den einen Domino-„Stein“ und der andere Teil auf das Gegenstück geschrieben. So können leicht Rechenaufgaben oder Einmaleinsreihen, aber auch (bei älteren Kindern) geschichtliche Daten und Ereignisse rekapituliert werden.
  2. Brettspiel: Relativ leicht lässt sich auch ein Brett-Würfelspiel mit Ereigniskarten herstellen: Sobald man auf ein Ereignisfeld kommt, muss eine Karte aufgenommen und die dort notierte Frage beantwortet werden. Das Spiel kann monothematisch angelegt sein, aber auch verschiedene Sachgebiete abdecken. Diese könnten dann bei den Ereignisfeldern und -karten verschiedenfarbig markiert sein. Denkbar wäre auch, die Ereigniskarten nach Schwierigkeitsgrad zu staffeln. So könnten auch Kinder verschiedener Altersklassen an dem Spiel teilnehmen – oder es gibt Bonuspunkte, wenn man schwierigere Aufgaben löst.
  3. Die verrückte Geschichte: Hierfür werden vier Stapel mit verschiedenfarbigen Karten bereitgestellt. Jeder Kartenstapel steht für eine Wortart: Substantiv, Verb, Präposition, Adjektiv/Adverb. Reihum ziehen die Kinder von jedem Stapel je eine Karte. Daraus werden dann Sätze gebildet. Unsinnssätze sind ausdrücklich erwünscht! Alternativ können die Sätze auch von allen gemeinsam oder in Lernteams gebildet werden. Am Ende könnten die Sätze auch zu einer Geschichte verbunden und ins Lerntagebuch eingetragen werden.
  4. Werbung? Ja, bitte! Damit all die Wurfsendungen und Kataloge endlich einmal einem guten Zweck dienen, kann man sie zusammen mit den Kindern zerschneiden. Die einzelnen Bilder lassen sich dann beschriften und ins Lerntagebuch einkleben. So kann etwa der Wortschatz zu Bekleidung und Nahrungsmitteln vertieft werden.
  5. Kalender-Recycling: Alte Kalender können dafür genutzt werden, Bausteine für Geschichten zu entwickeln. Dafür werden auf dem Tisch Kalenderblätter verteilt, die als Anregung für Geschichten dienen können. Bei kleineren Kindern kann die Geschichte als Sprachmemo aufgenommen und von den Eltern verschriftlicht werden.
  6. Mit Musik geht alles besser: Die meisten Kinder sind sehr von ihren Sangeskünsten überzeugt und führen diese auch gerne vor. Dies zu fördern, ist allein schon deshalb wichtig, um der späteren Entmutigung durch pubertäre Scham und (bei den Jungen) Reibeisenstimme vorzubeugen. Darüber hinaus bieten viele Lieder aber auch weitergehende Lernpotenziale. Der Song vom guten alten „MacDonald“ und seiner Farm lässt sich etwa hervorragend für die Beschäftigung mit Haustieren und ihren Besonderheiten nutzen.
  7. Bewegtes Lernen: Auch beim improvisierten Homeschooling darf die Freude an der Bewegung natürlich nicht zu kurz kommen. Dafür können zum einen regelmäßig Fitnesspausen dazwischengeschoben werden. Zum anderen kann die Bewegung aber auch in das Lernen integriert werden. Beispiele: Ballwerfen mit Aufgabenstellungen: Wer den Ball wirft, stellt eine Aufgabe, die der Ballfänger lösen muss. Oder: Lösungshüpfen: 5 + 2 = Siebenmal Hüpfen. Da die Nachbarn wahrscheinlich weniger Spaß an solchen Bewegungsspielen haben dürften, sollte man diese nach draußen verlegen.

 
Tipps für verschiedene Sachgebiete

  1. Mathematik. Mit Hilfe eines Memorys lassen sich etwa Additionsaufgaben oder das Einmaleins üben. Dabei werden Aufgaben und Ergebnisse jeweils auf unterschiedlichen Karten notiert. Hilfreich ist es für Kinder zudem, wenn der Weg vom Konkreten zum Abstrakten erfahrbar gemacht wird, die abstrakten Zahlen also mit konkreten Mengen verbunden werden. Rechenaufgaben werden dabei etwa mit bestimmten Gegenständen aus dem Erfahrungsbereich der Kinder geübt (Legosteine, Gummibärchen, Nudeln …).Besonders wichtig ist dies für das Einüben der Zehnerüberschreitung, die für Kinder erfahrungsgemäß eine große Lernhürde darstellt. Dafür sollte zunächst mit einer Summe von genau zehn Gegenständen die Zusammensetzung der Zahl „10“ erfahrbar gemacht werden. Hierbei können die Kinder spielerisch mit den Gegenständen hantieren, sie also etwa paarweise anordnen oder nach anderen Kriterien zerlegen. Beispiel für eine darauf aufbauende Übung: Drei Kieselsteine werden unter einer Tasse und sieben unter einer anderen versteckt. Dann wird nur eine Tasse aufgedeckt. Das Kind ist der Magier, der sagen kann, wie viele „unsichtbare“ Kieselsteine sich unter der anderen, umgestülpten Tasse befinden.
    Für das Üben der Zehnerüberschreitung eignen sich besonders gut leere Zehner-Eierkartons. Nimmt man zwei davon, so wird für die Kinder einsichtig, was Zehnerüberschreitung bedeutet: Von zwölf Tischtennisbällen (Murmeln, Kieselsteinen, Wattebällchen …) passen zehn in einen Karton, für die übrigen zwei brauchen wir den nächsten Karton. Dies sollte man dann auch entsprechend notieren: Eine rote Zahl für den vollen Eierkarton, eine blaue Zahl für die Einzel-„Eier“.
    Auf dieser Basis können dann auch Rechenaufgaben mit Zehnerüberschreitung gelöst werden. 7 + 5 heißt dann: 7 + 3 füllen einen Karton (und ergeben eine rote „1“), zwei „Eier“ bleiben für den blauen Karton übrig (und ergeben eine blaue „2“). So lässt sich typischen Rechenfehlern vorbeugen wie beispielsweise: 7 + 5 = 75. Viele Kinder versuchen auch das Ergebnis an den Fingern abzuzählen und verhaspeln sich dabei, wenn sie die Zehnerüberschreitung nicht verinnerlicht haben.
  2. Deutsch: Je nach Lernstand der Kinder kann hier zunächst einmal das ABC-Wissen vertieft werden. Buchstabenkenntnisse können auch hier leicht mit Hilfe eines Memorys vertieft werden. Die aufzudeckenden Paare wären dann etwa „A“ und „Affe“, „B“ und „Birne“ usw. Zusätzlich können die einzelnen Buchstaben verschiedenfarbig gestaltet oder auch mit Krepp-Papier auf dem Boden ausgelegt und abgegangen werden, um das Gefühl für die Form zu vertiefen.
    Fortgeschrittene Lernende können auch mit Hilfe einer Anlauttabelle (Muster sind in den meisten Fibeln enthalten, lassen sich aber auch leicht im Netz finden und ausdrucken) kleinere Geschichten schreiben. Hier ist es wichtig, dass die Kreativität und der Spaß am Schreiben im Vordergrund stehen und nicht zu streng korrigiert wird. Zentrales Kriterium ist, ob die Worte entziffert werden können und einen sinnvollen Zusammenhang ergeben.
  3. „Sachunterricht“ sollte zunächst einmal heißen: Ab in den Wald, den Stadtpark, den Garten, ans Ufer des Sees … Die kleine Exkursion könnte zum einen vorbereitet werden, indem den Kindern bestimmte Suchaufgaben gegeben werden. Das können zum Beispiel Bilder einzelner Vögel sein, die dann in der freien Natur identifiziert werden sollen. Zum anderen kann aber auch einfach das genauere Hinschauen eingeübt werden, also alles, was die Aufmerksamkeit fesselt, mit Hilfe von Bestimmungsbüchern detaillierter wahrgenommen und verstanden werden. Hierbei kann man sich als Hobby-Aushilfslehrkraft natürlich auch digitale Hilfe holen. Gerade für die Vogelbestimmung gibt es da ein paar schöne Angebote. Über die App BirdNET lassen sich etwa Vogelstimmen den dazugehörigen Vogelarten zuordnen.
    Auch der Geschichtsunterricht lässt sich bei dem für die nächsten Tage angekündigten sonnigen Wetter trefflich nach draußen verlegen. Hier kann man schon einmal ein bisschen für Ostern üben. Gesucht werden dann allerdings nicht Ostereier und Schokoladenhasen, sondern alte Hünengräber, Spuren römischer Grenzanlagen oder von Ritterburgen. Manche Wege sind ja dankenswerterweise auch von engagierten Hobby-Archäologen beschriftet worden. So spricht auch noch im Wald der Geist der alten weisen Schulmeister zu uns.
    Die kleinen Exkursionen lassen sich natürlich schön fürs Lerntagebuch dokumentieren, indem die einzelnen Fundobjekte und (bei Tieren) -subjekte fotografiert und auf dem späteren Ausdruck beschriftet werden.
  4. Hauswirtschaft/Gesundheitserziehung. „Hauswirtschaft“ klingt alles andere als sexy. Die Assoziationen führen uns da ruckzuck zurück in die 1950er Jahre oder in noch tiefere Abgründe der deutschen Geschichte. Das liegt daran, dass „Hauswirtschaft“ mit der Beschränkung auf den Haushalt verknüpft wird, was wiederum mit der Bindung von Frauen an den heimischen Herd assoziiert wird. Begreift man „Hauswirtschaft“ jedoch als einen Aspekt der Gesundheitserziehung, der für Jungen und Mädchen gleichermaßen wichtig ist, so haben wir es hier mit einem zentralen Lerngebiet zu tun.
    Lernerfahrungen lassen sich dann sehr leicht durch das gemeinsame Kochen sammeln. Die verschiedenen Zutaten können dabei, je nach Lernstand der Kinder, vor der Zubereitung gemalt oder mit einem kurzen Steckbrief im Lerntagebuch „verewigt“ werden. Dabei können Herkunft der Zutaten, Nährstoffgehalt und ggf. auch soziale und ökologische Probleme bei der Ernte der Produkte thematisiert werden. Wenn die Kinder dann noch zu einzelnen Früchten oder Gemüsearten eine kleine, selbst erfundene Geschichte malen oder schreiben, lässt sich mit einer kleinen Tomate leicht ein ganzer Vormittag zubringen. Krönender Abschluss ist natürlich die gemeinsame Zubereitung der Mahlzeit – was auch „gelernt“ sein will.

Für die, die jetzt auf den Geschmack am gemeinsamen Lehren und Lernen gekommen sind, hier noch ein paar Zusatz-Tipps und Links zur weitergehenden Beschäftigung mit der Thematik:

Die Website der Wiener Volksschullehrerin M. Wegener  bietet viele Arbeitsblätter und Spielvorschläge für die Primarstufe.

Die Seite Lernwolf von Thomas Meier aus Nürnberg enthält eine Vielzahl kostenfreier Übungsblätter für Deutsch und Mathematik in der Grundschule.

Die Stiftung Haus der kleinen Forscher hat sich zum Ziel gesetzt, allen Kindern im KITA- und Grundschulalter die alltägliche Begegnung mit naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Themen zu ermöglichen. Eine von der Stiftung herausgegebene Broschüre enthält zahlreiche Spielideen mit alltäglichen Dingen wie Legosteinen zur Förderung des mathematischen Denkens: Broschuere_Mathematik_Zahlen-Zaehlen-Rechnen_01

Eine von pedocs zur Verfügung gestellte Broschüre enthält zahlreiche Tipps für Lernspiele und Übungen für Mathematik in der Grundschule: Sommerlatte, Angela; Lux, Matthia; Meiering, Gundula; Führlich, Susanne: Lerndokumentation Mathematik – Anregungsmaterialien. Berlin 2009: Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung: BE3B_Lerndokumentation_Mathematik_Anregungsmaterialien_gesamt_7.10.08_D_A

Kinderlieder zum Mitsingen: Videos mit Noten und Texten zum Ausdrucken

Bilder: Pixabay: Thomas B: Käfer; Ulrike Leone: Ostereier; Ana Zinsli: Füße; Semevent: Legosteine; Markus Spiske: Memory; Fotolia: Kids; Titelbild: Fotolia: Learning

Learning Analytics – die große Hoffnung?

Die Digitalisierung wird das Lernen und den Unterricht verändern. Eine wichtige Rolle wird das Konzept „Learning Analytics“ spielen. Dieser Begriff taucht immer wieder im Zusammenhang mit internationalen Bildungsstudien und der Forderung nach effektivem und individualisiertem Lernen auf. Es ist daher unerlässlich, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen und sich kritisch mit dem Konzept auseinanderzusetzen. Deshalb hat das GEW-Bundesforum „ Bildung in der digitalen Welt“ eine Fachtagung mit einem Vortrag von Frau Prof. Dr. Sigrid Hartong veranstaltet. Die Referentin hat das Konzept „Learning Analytics“ differenziert erläutert und in den Zusammenhang einer neuen Form von Bildungssteuerung und expandierender Dateninfrastrukturen gestellt. Dass in der Pädagogik Daten von Lernenden erhoben werden, um den Unterricht danach auszurichten, ist nichts Neues. Jede Klassenarbeit, jeder Leistungstest dient diesem Zweck. Das Neue an Learning Analytics ist, dass die Tools nicht allein von Pädagog*innen entwickelt und kontrolliert werden, sondern durch von Informatiker*innen programmierteAlgorithmen. Sie folgen also nicht der Logik der Lerntheorien oder der Entwicklungspsychologie, sondern der Logik der Datenerfassung. Das auch von der Kultusministerkonferenz geforderte Primat der Pädagogik wird hier also außer Kraft gesetzt. Die Fragestellung ist nicht: Wie kann ich die Lernentwicklung besonders gut erfassen und begleiten? Sondern: Welche Daten lassen sich einfach und effektiv erfassen und vergleichen?  Dieses einer Datenlogik folgende Konzept hat natürlich auch Auswirkungen auf die Aufgabenqualität und das Unterrichtskonzept. Bei der Aufgabenbewertung können keine kognitiven Zwischenschritte und Teilkonzepte erfasst werden, wie es in einer qualifizierten Fehleranalyse und bei Lerngesprächen der Fall wäre. Die Bewertung folgt einem Richtig- Falsch-Schema. Deshalb werden Aufgaben konzipiert, die zu diesem Auswertungsschema passen. Diskursive und kommunikative Auseinandersetzungen mit Unterrichtsgegenständen entfallen oder werden minimiert. Innerhalb der Aufgabenstellung sind bestimmte erwünschte Antworten vorprogammiert. Diese werden belohnt, während Umwege, die möglicherweise auch zu einem Ergebnis führen, ausgeschlossen werden. Dies ist eine Abkehr von Formen konstruktiver Didaktik, die gerade die (Re-)konstruktion eines Lerngegenstandes durch die Lernenden voraussetzen. An deren Stelle tritt ein Frage- und Antwortschema, das an reproduktive Unterrichtsformen erinnert. Hinzu kommt: Für die Lernentwicklung wichtige Aspekte wie die kognitiven Konzepte der Lernenden können nicht erfasst werden. Dagegen werden Daten zur Aufmerksamkeit, zur Bearbeitungszeit sowie die reine Fehlerquote erfasst. Es kommt zu einer dauernden Verhaltenskontrolle der Lernenden. Dieser Aspekt ist auch im Hiblick auf Demokratie und Freiheit problematisch. Dies gilt nicht nur für die ständige Verhaltenskontrolle, sondern auch für dasie vorgegebenen Antwortschemata. Demokratie lebt vom Diskurs. Unter der schönen digitalen Oberfläche lassen sich aber unbemerkt auch bestimmte „Wahrheiten“ transportieren und effektiv in die Köpfe bringen.
Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, was mit den erhobenen Metadaten über die Lernenden passiert. Offensichtlich führen die technischen Möglichkeiten der Learning-Analytics-Programmezu großen Rückschritten in der Methodik und Didaktik, einer Einschränkung der Aufgabenqualität sowie zu einer massiven Sammlung problematischer Metadaten. Nichtsdestotrotz feiern verschiedene Stiftungen und Teile der Bildungspolitik das Konzept als innovativ. Der Einsatz digitaler Medien und von Lernprogrammen kann durchaus sehr sinnvoll und bereichernd sein. Es ist die Aufgabe von Pädagog*innen diesen Einsatz pädagogisch zu begründen und in ein Gesamtkonzept einzufügen.

Interessante Lektüre zum Thema: Sigrid Hartong Learning-analytics-2019

 

Bild: Gerd Altmann: Datennetz (Pixabay)

Annegret Kramp-Karrenbauer und „die armen Kinder“

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Annegret Kramp-Karrenbauer hat die benachteiligten Kinder entdeckt.  In einer aktuellen Rede sagte sie: „Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass Kinder bei uns ausgegrenzt werden“.

Das klingt seltsam aus dem Mund einer Politikerin, die im Saarland seit Jahren die inklusive Bildung ausbremst und die Förderschule Lernen bis in alle Ewigkeit erhalten will.  Dass gerade die Förderschule Lernen im Wesentlichen von Kindern aus benachteiligten Familien besucht wird und als gesellschaftliches Abseits fungiert, ist „AKK“ entgangen. Ihr 2014 in der ZEIT erschienener Artikel macht deutlich wofür sie steht: Inklusion, ja, aber bitte nur bis zu einem gewissen Grad. Der Artikel strotzt vor Klischees und Gemeinplätzen. Internationale Studien und die Forschung hierzulande sind an AKK spurlos vorbeigegangen.

Auf Annegret Kramp-Karrenbauers Artikel habe ich seinerzeit geantwortet. Diese Einschätzung trifft immer noch zu:

Inklusion braucht einen Systemwechsel

 

Valentin Aichele (Deutsches Institut für Menschenrechte) zu Kramp-Karrenbauer

 

 

Foto: Cole Stivers: Girl (pixabay)

 

 

 

 

Die Crux mit dem Kleingedruckten

Anmerkungen zum Abschnitt ‚Schulische Bildung‘ im Koalitionsvertrag

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Vieles von dem, was in den Nachrichten über den Bildungsaspekt in den Koalitionsverhandlungen zu hören war, klang ausgesprochen positiv: mehr Ganztag, Aufweichung des Kooperationsverbots, mehr Geld für Bildung … Fast hätte man denken können, dass die deutsche Politik doch noch begriffen hat, dass, so ein altes GEW-Motto, „alles mit guter Bildung beginnt“.

Nachdem nun aber der fertige Koalitionsvertrag vorliegt, ist es doch wieder wie bei den Gewinnspielen, die einem täglich ins Haus flattern: Man muss das Kleingedruckte lesen. Nachdem ich das getan habe (vgl. Koalitionsvertrag, S. 28 f.), fällt mein Urteil folgendermaßen aus:

Zwar ist deren Förderung bei den geplanten „Investitionen in Bildungsinfrastruktur“ explizit erwähnt. Einen „Rechtsanspruch“ soll es jedoch ausdrücklich nur für „Ganztagsbetreuung“ geben, und auch das nur für Kinder „im Grundschulalter“. Damit geht es hier nicht um Konzepte wie den rhythmisierten Unterricht oder um kompensatorische Angebote für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche durch qualifizierte Lehrkräfte. Im Vordergrund steht vielmehr die bloße Aufbewahrung der SchülerInnen an den Nachmittagen. Angesichts des chronischen Lehrkräftemangels ist nicht davon auszugehen, dass dafür ausgebildetes Personal eingestellt wird.

Zwar wird dem Bund in Zukunft ein stärkeres finanzielles Engagement im Bereich der schulischen Bildung zugestanden. Dabei soll es jedoch nur um die „Bildungsinfrastruktur“ gehen. Um Missverständnissen vorzubeugen, wird ausdrücklich betont: „Die Kultushoheit bleibt Kompetenz der Länder.“ Damit bleibt der skandalöse Zustand bestehen, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland bei ihren Bildungschancen davon abhängen, ob in ihrem Bundesland eine Partei mit progressiven Bildungsideen regiert oder ob Letztere von einer Partei mit Häschenschulidealen und einem elitären Bildungskonzept wieder kassiert werden.

Eine Verbesserung dieser Situation könnte theoretisch durch den „Nationalen Bildungsrat“ bewirkt werden, dessen Einrichtung der Koalitionsvertrag in Aussicht stellt. Allerdings wird schon im Vorhinein festgelegt, dass das neue Gremium seine Vorschläge „auf Grundlage der empirischen Bildungs- und Wissenschaftsforschung“ zu erarbeiten habe. Damit ist zu befürchten, dass hierdurch nur die allgegenwärtige Testeritis gefördert werden soll. Das Ziel wäre damit auch hier mehr Standardisierung und nicht das verstärkte Eingehen auf die individuellen Bildungsbedürfnisse und -voraussetzungen des Kindes. Schließlich stellt sich auch die Frage, wer dem neuen „Nationalen Bildungsrat“ angehören soll. Werden Gewerkschaften, Lehrer- und Elternverbände sowie Schülervertretungen darin angemessen vertreten sein? Oder wird er ähnlich elitelastig sein wie der Wissenschaftsrat, nach dessen „Vorbild“ er eingerihtet werden soll?

Obwohl Inklusion nach wie vor eine zentrale Herausforderung für die Schulen darstellt, wird sie im Abschnitt „Allgemeine Bildung und Schulen“ nur an einer einzigen Stelle erwähnt: Durch die „Investitionsoffensive Schule“ und den „Digitalpakt Schule“ werde, so wird keck behauptet, auch „zur inklusiven Bildung“ beigetragen. Nun ist es zwar richtig, dass die angestrebte spezielle Unterstützung von „Schulen in benachteiligten sozialen Lagen“ auch der Inklusion zugute kommen könnte. Allerdings ist die Inklusion ein gesamtgesellschaftliches Projekt, das sich nicht nur auf einzelne Schwerpunktschulen beschränken darf. Eben dies suggeriert der Koalitionsvertrag jedoch, indem dort von den an dem Programm „teilnehmenden Schulen“ die Rede ist. Offenbar sollen hier also wieder einmal Schwerpunktschulen geschaffen werden, an denen die „schwierigen“ Schüler zusammengefasst werden. Damit stünde das Programm letztlich im Dienst der „Intitiative zur Förderung leistungsstarker und leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler“, sprich: der Eliteförderung, an der ausdrücklich festgehalten werden soll.

Die Vorbereitung der „Schülerinnen und Schüler auf das Leben und Arbeiten in der digitalen Welt“ steht im Mittelpunkt der „Offensive für Bildung, Forschung und Digitalisierung“ – so das Motto, das dem Bildungskapitel im Koalitionsvertrag vorangestellt ist. Hierfür wird nicht nur das meiste Geld zur Verfügung gestellt – 5 Milliarden Euro, gegenüber 2 Milliarden für den Ausbau der Ganztagsbetreuung und einer bezeichnenderweise  nicht genannten Summe für die Unterstützung von „Schulen in benachteiligten sozialen Lagen“. Auch die gewählten Formulierungen vermitteln den Eindruck, dass eine Verbesserung des Bildungsangebots nicht in erster Linie durch eine bessere materielle und personelle Ausstattung der Schulen und innovative Unterrichtskonzepte, sondern durch die Digitalisierung des Unterrichts erreicht werden kann. Dementsprechend bleiben auch die damit verbundenen Probleme unerwähnt. Die „gemeinsame Cloud-Lösung“ für Schulen“ etwa soll schlicht „geschaffen“ werden – notfalls auch von Google, um den Preis einer Schaffung des gläsernen Schülers?

Ökonomisierung. So bleibt der Eindruck, dass die Pläne der möglichen neuen Bundesregierung im Bereich Bildung vor allem auf die Förderung von Nachwuchskräften für die Wirtschaft abzielen. Hierzu passt, dass die einzigen Bemerkungen, die sich auf Unterrichtsinhalte beziehen, auf „die MINT-Bildung“ beschränkt sind, wo verschiedene Unterstützungsmaßnahmen vorgesehen sind. An der Förderung des kritischen Denkens, die gerade in Zeiten von Fake-News, faschistoiden Politikentwürfen und propagandistischer Beschönigung von Regierungsbeschlüssen dringend erforderlich wäre, ist den Koalitionären in spe offenbar herzlich wenig gelegen.

 

Bildnachweis: Pixabay, Klimkin

 

 

Interessenvertretung, Berufsethos und Inklusion

Young teacher with children on nature field trip

Unter den vorherrschenden Bedingungen in den Schulen ist es schwer, pädagogische und gesellschaftspolitische Ideale umzusetzen. Dennoch ist es eine Aufgabe einer Bildungsgewerkschaft Berufsethos und Interessenvertretung zu verknüpfen. 

2017 war kein gutes Jahr für die Inklusion. Das Problem des Lehrkräftemangels hat sich dermaßen zugespitzt, dass jeder Gedanke an innovative pädagogische Konzepte im Keim erstickt wird. Dabei wären diese gerade in einer solchen Situation notwendig, um abseits der langsamen Mühlen der Schulbürokratie Wege zu finden, mit den in der Tat vielerorts untragbaren Zuständen zurechtzukommen. Stattdessen nutzen die Konservativen im Lande die Krise, um ihr Ideal mittelschichtorientierter, homogener Lerngruppen verstärkt zu propagieren.

Auch wenn der mediale Mainstream zum Sturm auf die Inklusion geblasen hat und dies auch die Meinungen stark beeinflusst,  möchte ich an dieser Stelle doch noch einmal den Versuch unternehmen, die Inklusion vom Konzept des Berufsethos aus zu begründen.

Die wohl bekannteste Kurzformel eines Berufsethos ist der hippokratische Eid der Mediziner. Dieser enthält als wichtigste Elemente die Selbstverpflichtung, das Wohl der Patienten stets zur Richtschnur des eigenen Handelns zu machen, die ärztliche Schweigepflicht, eine Absage an die Euthanasie sowie das Versprechen, Abhängigkeitsverhältnisse niemals zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Dass in der Medizin eine solche Selbstverpflichtung (die nicht unbedingt im Rahmen eines förmlichen Schwurs erfolgen muss) notwendig ist, leuchtet unmittelbar ein. Schließlich geht es beim ärztlichen Handeln stets um das zentrale Gut derer, die bei ihnen Rat und Hilfe suchen: ihre Gesundheit. Gleichzeitig wird im Fall der Ärzteschaft aber auch deutlich, dass Interessenpolitik und das Wohl der Patienten unmittelbar miteinander zusammenhängen. Eine bessere Entlohnung der ÄrztInnen und eine humanere Gestaltung der Arbeitszeiten, insbesondere eine Abschaffung der verantwortungslosen Doppelschichten, kommen über die verbesserte Arbeitsmotivation und Konzentrationsfähigkeit der Beschäftigten auch den Patienten zugute.

Dies gilt in ähnlicher Weise auch für das Berufsethos. Wenn Ärztevertretungen etwa für längere Beratungszeiten und eine bessere Ausstattung von Krankenhäusern eintreten, so dient das einer gewissenhafteren, besseren Ausübung der Profession. Dies hilft zwar in erster Linie den PatientInnen, fördert zugleich aber auch die Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten und liegt somit auch in deren Interesse.

Analog zum hippokratischen Eid hat der Pädagoge Hartmut von Hentig für den Bildungsbereich schon vor über 25 Jahren einen „sokratischen Eid“ formuliert. Die von ihm vorgeschlagene Eidesformel ist allerdings sehr ausführlich gehalten und könnte so auf viele PädagogInnen eher abschreckend wirken. Versucht man, eine Selbstverpflichtung von im schulischen Bereich Tätigen auf eine Kurzformel zu bringen, so könnte diese etwa lauten:

„Ich werde mich stets bemühen, die geistigen, emotionalen, sozialen und körperlichen Fähigkeiten der Lernenden nach bestem Wissen und Gewissen zu fördern und ihre Eigenständigkeit zu stärken. Ich werde sie dazu ermuntern, sich nie mit der oberflächlichen Erscheinung der Dinge zufrieden zu geben, sondern diesen stets auf den Grund zu gehen. Mein höchstes Ziel ist es, den Lernenden zur Selbstentfaltung ihrer Kräfte zu verhelfen. Dafür werde ich ihnen in Wort, Tat und Umfeld möglichst vielfältige Anregungen bieten und sie so herausfordern, ohne sie je zu überfordern.“

So unverfänglich diese Kurzformel auch klingt – sie würde doch eine vollständige Umstrukturierung unseres Bildungssystems notwendig machen. Denn zumindest im Schulbereich geht es bei uns eben nicht um geistige Autonomie und die Orientierung an den jeweiligen Möglichkeiten der einzelnen Lernenden. Vielmehr müssen diese sich an abstrakte, für alle gleichermaßen geltende Lernnormen anpassen, deren Erreichung analog zu Industrieprodukten in regelmäßigen, standardisierten Testverfahren überprüft wird. Wer die Normen nicht erfüllt, wird auf Schulen relegiert, die geringere soziale und berufliche Perspektiven bieten.

Dadurch ergeben sich bei einer Orientierung am Berufsethos im pädagogischen Bereich viel weiter reichende Konsequenzen als im medizinischen Bereich. Zwar gibt es auch in diesem Reformideen, die einen vollständigen Paradigmenwechsel erfordern würden – man denke nur an das Ideal des mündigen, mitdenkenden Patienten oder das einer ganzheitlichen, nicht auf einzelne Fachdisziplinen beschränkten Betrachtung des Körpers. Beides kann jedoch zu einem großen Teil auch durch ein verändertes Handeln und Denken der einzelnen Mediziner*innen erreicht werden. Die nötigen Verbesserungen wären somit hier auch innerhalb des bestehenden Systems zu erzielen.

Im pädagogischen Bereich geht es dagegen hierzulande nicht um eine Reform, sondern um eine völlige Umgestaltung der vorhandenen Strukturen, nicht um Evolution, sondern um Revolution. Revolutionen aber sind anstrengend und unbequem. Langfristig mögen sie zwar zu besseren Verhältnissen für alle führen. Kurzfristig aber bedeuten sie Unruhe und Mehrarbeit. Im konkreten Fall des Bildungssystems heißt das insbesondere: eine Umstellung des Unterrichts auf individualisierende, differenzierende Lernformen, eine Veränderung der Lehrer*innenrolle vom Vortragsredner zum Lernpartner oder auch eine Abkehr vom fächerspezifischen und eine Hinwendung zu einem mehr projekt- bzw. themenorientierten Unterricht.

Derartige Umstrukturierungen sind nicht ohne intensive externe und vor allem schulinterne Weiterbildungsmaßnahmen zu erreichen. Diese nützen zwar langfristig auch den im schulischen Bereich Tätigen selbst, indem sie im Endeffekt Lerninteresse und Lernbereitschaft der Schüler*innen fördern und so auch die Berufszufriedenheit der Lehrkräfte stärken. Kurzfristig aber sind sie mit Mehrarbeit und verringerter Freizeit verbunden. Für Lehrergewerkschaften ist das Berufsethos daher ein „heißes Eisen“, da sie, wenn sie es zu stark betonen, stets in der Gefahr stehen, bei ihren Mitgliedern als Anwalt der Gegenseite wahrgenommen zu werden.

In Deutschland gibt es im pädagogischen Bereich denn auch eine Art Arbeitsteilung. Während in manchen Fachverbänden – wie etwa bei der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) oder dem Grundschulverband – das Berufsethos eine zentrale Rolle für das Verständnis und die Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit spielt, steht in den meisten Gewerkschaften die klassische Interessenpolitik, also der Kampf für eine gerechtere Entlohnung und für bessere Arbeitsbedingungen, im Vordergrund. Dies gilt für die Gewerkschaft ver.di, die u.a. auch im erzieherischen und sozialpädagogischen Bereich Beschäftigte organisiert, ebenso wie für den zum Deutschen Beamtenbund gehörenden Verband Bildung und Erziehung (VBE).

Die GEW nimmt hier eine Sonderrolle ein. Mit ihrem Anspruch, eine umfassende „Bildungsgewerkschaft“ zu sein, betont sie zum einen die Zuständigkeit für alle im pädagogischen Bereich Tätigen, also nicht nur für die schulischen Lehrkräfte, sondern auch für Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen sowie die im Bereich der Berufsschulen, Hochschulen und in der Weiterbildung Beschäftigten. Zum anderen bekennt sie sich als Bildungsgewerkschaft jedoch auch zu einem Selbstverständnis, das den Kampf für eine gerechte Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen mit dem Eintreten für eine humane, demokratische Schule und für daran orientierte pädagogische Reformen verknüpft. Dem entspricht auch das ausdrückliche Bekenntnis zu den berufsethischen Leitlinien, wie sie die Bildungsinternationale, ein Dachverband von Bildungsgewerkschaften aus 170 Ländern, 2004 formuliert hat (vgl. Hoffmann 2016).

Eine humane Schule kann jedoch nur dann entstehen, wenn dafür die Lernprozesse konsequent vom Kinde aus gedacht werden. Die dafür nötigen Veränderungen sind nicht allein durch zusätzliche Ressourcen zu erreichen. Vielmehr erfordern sie auch ein Umdenken auf Seiten der einzelnen Lehrkräfte, Schulen und Schulbehörden, das zu einem stärker individualisierenden, differenzierenden Unterricht und zu einem partnerschaftlicheren Umgang zwischen Lehrkräften und Lernenden führen müsste.

Behält man den klassischen, an der Erfüllung uniformer Zielvorgaben orientierten Unterricht bei, so wäre es mit einer Doppelbesetzung in den Klassen nicht getan. Vielmehr bräuchte man dann letztlich für all jene Lernenden, die von Haus aus nicht entsprechend gefördert werden oder die nötige Nachhilfe spendiert bekommen, spezielle Individualisierungspädagogen, die die abstrakte Norm an die jeweiligen Voraussetzungen der einzelnen Lernenden anpassen. So handelt es sich bei der Umsetzung der Inklusion eher um einen kontinuierlichen Prozess, bei dem mehrere parallel ablaufende Entwicklungen ineinandergreifen.

Wichtig erscheint zudem eine größere Flexibilität beim Einsatz der vorhandenen Ressourcen. Dafür sollten diese nicht personenbezogen bereitgestellt werden, sondern sich stärker an den Bedürfnissen der einzelnen Schulen orientieren. Ein Rollstuhlfahrer ist kein Alien, der von speziellen Rollstuhlpädagogen durch die Gesellschaft der Nicht-Rollstuhlfahrer geleitet werden muss. Er benötigt schlicht eine barrierefreie Umgebung und ggf. eine entsprechende Assistenz. Schulen in sozialen Brennpunkten haben einen höheren Bedarf an sozialpädagogischen Fachkräften; „mehrsprachige“ Schulen können erfolgreicher arbeiten, wenn an ihnen auch das Lehrpersonal multikulturell ist und als Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen fungieren kann. Die schematische Forderung nach „durchgehender Doppelbesetzung“ hilft hier nicht weiter.

Dies gilt auch für die am meisten gefürchtete Kategorie von Lernenden mit „speziellem Förderbedarf“: Kinder und Jugendliche, die durch aggressives, provozierendes Verhalten die Lernprozesse der anderen massiv beeinträchtigen. Wichtig ist hier vor allem die Erzielung von Synergieeffekten bei den vorhandenen personellen Ressourcen – konkret: die Intensivierung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe, sozialpädagogischen und schulpsychologischen Diensten, auf gestörte soziale Interaktionen spezialisierten Pädagog*innen und den involvierten Regelschullehrkräften. Auf diese Weise können Einzelgespräche mit den betreffenden Schüler*innen, gemeinsame Fallberatung, gruppendynamisch orientierte Klassengespräche, aufsuchende Elternarbeit, ergänzende außerschulische Hilfen (etwa über Familienhelfer*innen, Hausaufgabenbetreuung oder therapeutische Angebote) und flankierende innerschulische Maßnahmen (beispielsweise über eine vorübergehende Aufnahme der betreffenden Kinder in intensivpädagogische Kleingruppen) besser miteinander verknüpft und aufeinander abgestimmt werden. Vorbildlich umgesetzt ist diese Form der Vernetzung der verschiedenen Dienste im Konzept des Frankfurter Zentrums für Erziehungshilfe (vgl. Henzel u.a. 2010).

Natürlich sind deutsche Schulen in vielerlei Hinsicht auf skandalöse Weise unterversorgt. Marode Gebäude, chronisch verstopfte Toiletten, Unterpersonalisierung, die bei Ausfall einzelner Kolleg*innen zur Überlastung anderer Lehrkräfte und in der Folge, per Dominoeffekt, zu einem allgemein erhöhten Krankenstand führt – all das ist eines Landes, in dem die Menschen sich als Volk der „Dichter und Denker“ verstehen, schlicht unwürdig. An diesen Zuständen tragen diejenigen, die schon heute am meisten unter dieser Unterversorgung der Schulen zu leiden haben, jedoch keinerlei Schuld. Sie zu Sündenböcken für das unterfinanzierte Bildungssystem zu stempeln, indem man ihnen die Teilhabe am gemeinsamen Unterricht verweigert, entspricht demselben Denkschema wie im Falle der Migrant*innen, die den Einheimischen angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen. Denn auch hier werden strukturelle (in diesem Fall in Prozessen der Globalisierung und Automatisierung sowie in unsozialen Arbeitsmarktreformen gründende) Probleme auf eine ohnehin schon unterprivilegierte Minderheit projiziert.

So hat die GEW letztlich gar keine andere Wahl, als sich auf der Grundlage des pädagogischen Berufsethos zur Inklusion als schul- und gesellschaftspolitischem Ziel zu bekennen. Gibt sie ihren Ansatz auf, Berufsethos und Interessenpolitik nicht als gegenläufige Tendenzen zu sehen, sondern als miteinander zusammenhängende Aspekte des Kampfs für bessere Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder, so verliert sie ihr Alleinstellungsmerkmal. Sie wäre dann nur noch eine x-beliebige Interessenvertretung unter vielen anderen.

Links:

Brückner, Torben: Der hippokratische Eid. Thieme-Verlag, via medici, 1. August 2011; mit Link zur Übersetzung der Eidesformel als pdf-Dokument der Ärztekammer Baden-Württemberg.

Bildungsinternationale (Education International): Erklärung zum Berufsethos [der im Bildungs- und Erziehungsbereich Beschäftigten]. [2004]

Hentig, Hartmut von: Der neue Eid. In: Die Zeit vom 20. September 1991.

Henzel, Brigitte / Kieweg, Dieter / Kilian, Rainer / Müller, Georg: Zentrum für Erziehungshilfe / Berthold-Simonsohn-Schule: Konzeption / Schulprogramm. Frankfurt/Main 2010.

Hoffmann, Ilka: Berufsethos der Bildungsinternationale als Leitlinie. In: Erziehung und Wissenschaft (E&W) 7-8/2016.

 

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Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Politik und die Medien!

vier schulkinder in der klasse

In letzter Zeit häufen sich die die Medienberichte, die die Inklusion als großen Irrtum, als Fehlweg … darstellen. Nahezu alle Artikel sind schlecht recherchiert, populistisch und ideologisch aufgeladen.  An den wirklichen Problemen des Schulsystems, nämlich der massiven Verstärkung der sozialen Spaltung und Ausgrenzung sowie einer chronischen Unterfinanzierung (an der nicht die UN-BRK schuld ist!!!!) , gehen sie allesamt völlig vorbei. Die meisten bei uns mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“ etikettierten Kinder kommen aus armen Verhältnissen. Wir machen die Folgen sozialer Ungerechtigkeit mittels Feststellungsverfahren zu einem Persönlichkeitsmerkmal, zu einer „Behinderung. Ein Unrecht, das nicht im Sinn der Kinder ist, auch wenn dies immer behauptet wird!

Ein paar Statements dazu:

Weser

Quelle: Weserkurier

Ilka Hoffmann: Begabung und Intelligenz- Konstrukte zur Legitimierung Sozialer Ungerechtigkeit

Rotherbaron: Loch-Ness-Pädagogik

Rotherbaron: Linker Konservativismus

Ilka Hoffmann: Entgegnung zu Josef Kraus

 

 

Berufsethos der Bildungsinternationale (BI)

Wozu brauchen Lehrkräfte ein Berufsethos?

The next educational success

Das 2004 von der Bildungsinternationalen verabschiedete Berufsethos muss auch Leitlinie gewerkschaftlicher Arbeit sein. Dazu müssen Fortbildungsmodule entwickelt werden, die beitragen, das Berufsethos in den Bildungseinrichtungen zu verankern.

Beschäftigte in pädagogischen Arbeitsfeldern sind täglich mit vielen Anforderungen, emotional herausfordernden Situationen und einem großen Handlungsdruck konfrontiert. Die Ansprüche, die Politik und Gesellschaft an Lehrkräfte stellen, sind dazu noch sehr widersprüchlich: Sie sollen in einem hochselektiven, an getrennten Bildungsgängen ausgerichteten System alle Lernenden individuell fördern. Wie soll das gelingen? Vor allem erfahren viele Kolleginnen und Kollegen: Schulrechtliche Vorgaben sind oftmals mit den pädagogischen Grundüberzeugungen und Werten der GEW nicht zu vereinbaren.

Widersprüchliche Erwartungen können belastend sein. Lehrkräfte übernehmen deshalb häufig mehr oder weniger unhinterfragt Haltungen, die die selektive Struktur unseres Schulsystems vorgibt – und die sie selbst in ihrer Schulzeit kennengelernt haben. Das einzelne Kind, seine Bildungsbiografie, seine Stärken und Wünsche rücken dabei in den Hintergrund. Es geht in erster Linie um die „objektive“ Leistungsbewertung und die „richtige“ Platzierung im hierarchischen Schulsystem.

Die GEW stellt indes seit vielen Jahren das gegliederte Schulsystem infrage. Die Bildungsgewerkschaft steht für Inklusion und Teilhabe – und so auch für andere Wertorientierungen. Das Problem: In der Praxis erschweren oft mangelhafte personelle und materielle Rahmenbedingungen deren Umsetzung. Außerdem widerspricht der Inklusionsgedanke tradierten Ansichten und Routinen in unseren Schulen – und in unseren Köpfen. Damit Lehrkräfte den von Konkurrenz und Selektion geprägten Schulstrukturen wirksam entgegentreten können, bedarf es besonderer Anstrengungen. Der bekannte Inklusionspädagoge Reimer Kornmann beschreibt das als „innere Widerständigkeit“, die es zu entwickeln gilt. Reinhard Stähling, Schulleiter der inklusiven Grundschule Berg Fidel, spricht gar von „Ungehorsam im Schuldienst“.

Ethische Grundlage

Um Stärke zu zeigen, und im Interesse der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen – gegen die Logik des Selektionssystems – handeln zu können, braucht unsere Profession eine ethische Grundlage. Am 2004 von der Bildungsinternationalen (BI), der weltweiten Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften und Lehrerverbände, verabschiedeten Berufsethos kann sie sich orientieren. Es vereint drei Perspektiven:

  1. das Menschenrecht auf Bildung als Grundlage professionellen Handelns;
  2. die arbeitsrechtliche Perspektive, die auf angemessene Rahmenbedingungen achtet;
  3. die Professionsentwicklung, um die Qualität im Bildungsbereich zu gewährleisten.

Das BI-Manifest verbindet demnach individuelle, kollektive und gewerkschaftliche Selbstverpflichtungen. Denn es reicht nicht, wenn einzelne Lehrkräfte ihre Tätigkeit nach ethischen Grundsätzen ausrichten. Diese können nur dann in einer Einrichtung wirksam und tragfähig sein, wenn sie vom gesamten Kollegium geteilt und gelebt werden. Zu einem verbindlichen Berufsethos gehören also auch kollegiales Miteinander und professionelle Teamarbeit.

Kein Luxus

Was folgt daraus? Das Berufsethos muss auch Leitlinie gewerkschaftlicher Arbeit sein. Im GEW-Kontext meint dies: Das uneingeschränkte Bekenntnis zu den allgemeinen Menschen- und Kinderrechten sowie zu den UN-Antidiskriminierungskonventionen sollte die Grundlage unseres professionellen Handelns sein. Nach diesem Wertekanon beurteilen wir Schulgesetze, organisatorische Regelungen, Strukturen und Rahmenbedingungen (Personalschlüssel, Unterrichtsverpflichtung, materielle Bedingungen …). Auf diese Weise helfen wir als Gewerkschaft mit, die Profession weiterzuentwickeln.

Pädagogische und gewerkschaftliche Arbeit ethisch zu verorten, ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, denn:

  • Wir dürfen es nicht der Politik überlassen zu definieren, was als gute Bildung für alle gilt. Wir müssen unsere eigene Sicht, unsere eigenen Visionen entwerfen und politisch einbringen.
  • Gemeinsame Werte, gegenseitige Achtung und Kooperation verbessern nicht nur die pädagogische Qualität einer Schule, sondern tragen wesentlich zur Berufszufriedenheit bei.
  • Die eigene Tätigkeit ethisch zu begründen, hilft in Konflikt- und Entscheidungssituationen.
  • Nicht zuletzt: Ethische Maximen sind als professionelle Richtschnur eine Kraftquelle im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen – und machen ihn glaubwürdiger.

Auftrag einlösen

In diesem Sinn ist auch der Beschluss des Gewerkschaftstages 2013 als Auftrag an die Mitglieder zu verstehen: „Die GEW koordiniert einen Diskussionsprozess zur Vertiefung und Weiterentwicklung des professionellen Selbstverständnisses der Lehrerinnen und Lehrer, der Pädagoginnen und Pädagogen und anderer im Bildungsbereich Beschäftigter. Ziel ist, ein gemeinsames Verständnis für die Rechte und Pflichten, Aufgaben, Einstellungen und Haltungen in einem inklusiven diskriminierungsfreien Bildungssystem zu erarbeiten.“

Dieser Auftrag ist noch einzulösen. Er ist Ansporn, mit den Kolleginnen und Kollegen gemeinsam Fortbildungsmodule zu entwickeln, die dazu beitragen, das Berufsethos der BI in den Bildungseinrichtungen zu verankern und sowohl Lehrkräfte in ihrer Profession als auch Schulentwicklungen zu unterstützen. Was wir brauchen, ist eine lebendige Diskussion über die ethischen Grundsätze sowohl pädagogischer als auch gewerkschaftlicher Arbeit.

Schule und Gesellschaft lassen sich nur mit mutigen Lehrkräften verändern, die wissen, wofür sie stehen. Sie sollten nicht nützliche „Rädchen im Getriebe“ sein, sondern mündige und kritische Bürgerinnen und Bürger heranbilden: Menschen, die in der Lage sind, Verantwortung für eine friedensfähige, demokratische und nachhaltige Gesellschaft zu übernehmen.

 

erschienen in:  Erziehung und Wissenschaft 7/8 2016 Artikel auf gew.de

Menschenrechte versus Humankapital – Zur Bildungspolitik der OECD

Entrance_to_the_OECD_Conference_Centre_April_2014Überlegungen anlässlich der Sitzung des Trade Union Advisory Commitees der OECD in Paris am 3. und 4. Mai 2016

Was ist das Ziel von Bildung? – Bei dieser Frage kommen viele Menschen ins Grübeln. Die Antworten derer, denen sofort etwas dazu einfällt, gehen indes oftmals auseinander.

Ein ganz großer Player in Bildungsfragen – zumindest unter den reicheren Industrieländern – ist die OECD.  Die OECD definiert Bildungsziele, gibt Hinweise, verfasst umfangreiche Studien. Ihrer Bildungsabteilung, in der mehr als 100 WissenschaftlerInnen beschäftigt sind, haben wir durchaus positive Impulse zu verdanken. So wurde der Glaube an die Sinnhaftigkeit des gegliederten Schulsystems in Deutschland von den diversen Studien der OECD immer wieder erschüttert. Auch die TALIS-Studie, die sich mit den Einschätzungen der Lehrkräfte beschäftigt, liefert wichtige Erkenntnisse zur Arbeitszufriedenheit.

Dennoch beschleicht mich immer wieder Unbehagen, wenn ich den ReferentInnen der OECD zuhöre. Auch wenn sie IMG_0020vermeintlich das Gleiche sagen, meinen sie doch etwas anderes: So wird in einer neuen Studie mit dem Titel „Social emotional Skills“ die Bedeutung sozialen Lernens betont. Während Gewerkschaften und ReformpädagogInnen die Bedeutung sozialen Lernens mit dem Lernen von Toleranz, Demokratie und Frieden begründen, besteht die Bedeutung für die OECD darin, dass das Vorhandensein sozialer Kompetenzen die Produktivität der ArbeitnehmerInnen und damit den Profit steigert. Dementsprechend unterscheiden sich auch die empfohlenen Maßnahmen, um die Sozialkompetenz zu steigern: Während engagierte Lehrkräfte eine entsprechende Schulkultur, Klassenräte und Streitschlichter sowie einen wertschätzenden und respektvollen Umgang  miteinander für maßgeblich halten, setzt die OECD auf Tests und Sozialtraining für diejenigen, die im Test versagt haben.

Ähnlich verhält es sich, wenn von Chancengerechtigkeit die Rede ist. Für engagierte Lehrkräfte und Gewerkschaften geht es hierbei  um das umfassende Menschenrecht auf Bildung und den Abbau von sozialen Spaltungen. Für die OECD geht es um das Ausschöpfen des Humankapitals. Wenn die Humankapitalhypothese bei der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im Mittelpunkt steht, was ist dann mit dem Bildungsrecht all derjenigen, die aufgrund schwerster Beeinträchtigungen keinen „Mehrwert“ erzielen können? Bedeutet dies nicht in letzter Konsequenz, dass ihnen das Recht auf Bildung abgesprochen wird?

Ist das Ziel von Bildung nicht umfassende gesellschaftliche Teilhabe,  Persönlichkeitsentwicklung und Demokratie? – Das mögen politisch aufgeklärte Menschen so  sehen. In einem neueren Papier der OECD wird die Schaffung von „well functioning adults“ al2977788,templateId=scaled,property=imageData,height=287,scale=proportional,v=1,width=640,CmPart=com.arte-tv.wwws Bildungsziel genannt – gut funktionierende Rädchen im Wirtschaftsgetriebe, die nicht unnötig herumgrübeln und flexibel einsetzbar sind. Aber sollten engagierte Lehrerinnen und Lehrer angesichts der verheerenden ökologischen und sozialen Folgen eines reibungslos funktionierenden Kapitalismus nicht eher Sand in das kapitalistische Getriebe streuen?