Aufgelesen: Christoph Schmitt über KI und Schule

Diesen Artikel finde ich absolut lesenswert, weil er mit dem Gedanken aufräumt, KI würde an sich und von selbst die Schulpädagogik revolutionieren. Christoph Schmidt macht deutlich, dass adaptive KI-Lernsysteme – wenn sie nicht in neue Denk- und Organisationsformen von Schule eingebettet sind – besonders gut geeignet sind, die Schule der Vergangenheit zu perfektionieren. Diesen Gedanken führt er mit sehr spannenden Argumenten aus. Dies ist ein intelligentes Plädoyer dafür, dass zunächst einmal die Schule als „Denkform“ so wie sie ist, über Bord geworfen werden muss. Demokratie, Inklusion und Pädagogik first! – Schule als sozialer Ort. KI-Systeme zum Üben / Lernen durchaus, aber nicht nur und nicht voraussetzungslos und nicht in einer Schule mit Demokratiedefiziten, Leistungsdruck, mangelhafter Fehlerkultur und der Vernachlässigung kritischen Denkens. .

Bild: Vilius Kukanauskas: Lernen mit KI (Pixabay)

Schule ist keine Bundesligatabelle – Warum Bildung, Lernen und Leistung das Gegenteil von Selektion und Konkurrenz sind

Ein schiefer Vergleich

Während die Bildungsforschung immer wieder auf strukturelle Ursachen von Bildungsungleichheit verweist, beschäftigt sich die öffentliche Debatte häufig mit Symbolfragen wie der Ausrichtung von Bundesjugendspielen.  In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich von Sporttabellen und der Schule sehr populär. Zur Verteidigung des gegliederten Schulsystems regelmäßig dieser Hinweis bemüht: Niemand würde schließlich völlig unbegabte Fußballer gemeinsam mit Profis ins Trainingslager schicken. Leistung würde durch Inklusion und „Kuschelpädagogik“ untergraben.

Dieser Vergleich offenbart ein offensichtlich tief verankertes, alltagstheoretisches Bildungsverständnis, das Leistung eng mit Konkurrenz und Selektion verknüpft. Dahinter steht die Annahme, dass Leistungsfähigkeit vor allem durch Auslese entsteht und die Förderung einer vermeintlichen Elite Vorrang vor der Entwicklung aller haben sollte. Dieses Bildungsverständnis aus der Zeit des Feudalismus prägt bildungspolitische Debatten bis heute – obwohl die Bildungsforschung seit Langem darauf hinweist, dass nachhaltige Leistungsentwicklung vor allem dort gelingt, wo Ermutigung, Teilhabe und gute Lernbedingungen im Mittelpunkt stehen.

Es offenbart auch ein veraltetes Bild von Unterricht: Ein Unterricht, in dem es nur ein lehrerzentriertes, gleichschrittiges Lernsetting für alle gibt.

Schule als sozialer Ort

Schule ist aber keine Sortiermaschine, sondern ein sozialer Ort, an dem Demokratie und Zusammenhalt nicht nur vermittelt, sondern aktiv angebahnt und gelebt werden müssen. So betont der amerikanische Pädagoge John Dewey, dass Demokratie kein abstrakter Lerninhalt ist, der sich abfragen lässt, sondern eine Lebensform, die eingeübt und erfahren werden muss. Er formuliert: „Das klare Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Lebens, mit allem, was sich damit verbindet, konstituiert die Idee der Demokratie“; Demokratie ist für ihn „diejenige Form des Zusammenlebens der Menschen, die ihre jeweiligen Kräfte am besten zum Tragen bringt“

Dieser Prozess beginnt in den Familien, findet jedoch in besonderem Maße in öffentlichen Bildungseinrichtungen statt. Dewey sieht die Schule als Modell einer „demokratischen Gemeinde“, in den demokratischen Tugenden wie Kritikfähigkeit, Solidarität und Kompromissbereitschaft erst entstehen und erprobt werden: „Die Schule muss selbst eine Gemeinschaft sein, in der die demokratische Lebensform gelebt wird“.

Öffentliche Schulen übernehmen damit eine Rolle, die sich grundlegend von kommerziell ausgerichteten Systemen wie der Bundesliga unterscheidet: Sie sind keine Orte der reinen Mehrwerterzielung und Konkurrenz, sondern Räume gemeinsamer Entwicklung, Teilhabe und Verantwortung – und sollten damit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Demokratie als Lebensform überhaupt erlernbar wird.

Die gesellschaftliche Dimension

Forschung zur politischen Sozialisation zeigt: Demokratische Teilhabe entsteht dort, wo Menschen Selbstwirksamkeit und vor allem Zugehörigkeit erfahren. Wer erlebt, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, entwickelt eher die Bereitschaft, sich gesellschaftlich und politisch einzubringen. Politische Selbstwirksamkeit gilt daher als zentrale Voraussetzung für politische Partizipation.

Ebenso wichtig ist das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Zugehörigkeit stärkt die Identitätsentwicklung und fördert die Motivation, Verantwortung zu übernehmen und sich demokratisch zu engagieren. In einem selektiv ausgerichteten Schulsystem, das auf Wettbewerb und Konkurrenz beruht, kann nur schwerlich ein  demokratisches Zugehörigkeitsgefühl entstehen.

Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen bedeutet das: Sie sollten Räume schaffen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, eigene Projekte gestalten und echte Mitbestimmung erleben. Gleichzeitig braucht es inklusive Strukturen, die allen das Gefühl vermitteln, dazuzugehören und anerkannt zu sein. Erst das Zusammenspiel von Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit schafft die Grundlage für demokratische Haltungen, Kompetenzen und langfristige gesellschaftliche Teilhabe – und fördert nicht zuletzt auch Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft.

Selektion und Konkurrenz schaffen keine gesellschaftlichen Werte und lassen Potentiale liegen.

Konsequenzen für das Bildungssystem

Leistungs- und Begabungsförderung bleiben zentrale Prinzipien von Schule. Allerdings zeigen motivationspsychologische Studien, dass nachhaltige Lernmotivation vor allem dann entsteht, wenn Kompetenz erlebt wird, ohne dass soziale Abwertung im Vordergrund steht.

Die Frage ist daher nicht, ob Leistung zählt, sondern wie sie rückgemeldet wird: als individueller Fortschritt oder primär im Vergleich zu anderen und deren Abwertung.

Eine Schule, die systematisch selektiert und entmutigt, riskiert langfristige gesellschaftliche Folgekosten. Eine Schule hingegen, die individuelle Entwicklung ermöglicht, stärkt Motivation, Verantwortungsbereitschaft und Teilhabe.

Ein Bildungssystem, das alle im Blick hat, bedeutet keine Abkehr von Leistung – sondern eine Voraussetzung dafür, dass möglichst viele Menschen ihr Potenzial entfalten und in einer demokratischen Gesellschaft einbringen können.

Und dies gelingt am ehesten in einer materiell und personell gut aufgestellten inklusiven Schule!


Literaturhinweise

Hoffmann, I. (2020). Politisches Empowerment von benachteiligten Lernenden: Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten. In G. Bade, A. Eis & J. Meyer-Heidemann (Hrsg.), Jetzt erst recht: Politische Bildung! Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen (S. 116–122). Wochenschau Verlag.

OECD (2019): PISA 2018 Results (Volume II): Where All Students Can Succeed. Paris: OECD Publishing.

Deci, E. L.; Ryan, R. M. (2000): The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry.
Vereinte Nationen (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK), Art. 24 Bildung.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2026): Bildung in Deutschland

Oberle, M. (2023): Politische Sozialisation im Jugendalter. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2023/Politische_Sozialisation_07_2023.pdf

Ziemes, J. F. & Deimel, D. (2024): Identität, politisches Interesse und politische Selbstwirksamkeit. In: Abs, H. J.; Hahn-Laudenberg, K.; Deimel, D.; Ziemes, J. F. (Hg.): ICCS 2022 – Schulische Sozialisation und politische Bildung von 14-Jährigen im internationalen Vergleich, Waxmann, S. 77–90

Diverse elementary students reading, drawing, and playing with blocks in classroom

Inklusive Bildung in Deutschland: Ein notwendiger Aufbruch

Warum wir einen inklusiven Aufbruch brauchen

Wenn Schule krank macht

Justin (Name geändert) möchte nicht mehr zur Schule gehen. Allein der Gedanke daran, im Klassenzimmer zu sitzen, löst bei ihm Übelkeit aus. Seine Eltern müssten ihn mit erheblichem Zwang zur Bushaltestelle oder ins Auto bringen.

Warum ist das so? Justin ist hochsensibel. Lärm verursacht ihm körperlichen Schmerz, Gewalt und Ungerechtigkeit lösen Angst aus. Gleichzeitig ist er kognitiv sehr interessiert: Er denkt viel, sucht Herausforderungen und vertieft sich gern in anspruchsvolle Inhalte. So hat er sich eigenständig Französisch beigebracht, spricht und schreibt fließend und bestand erfolgreich eine externe Sprachprüfung.

Und die Schule? Dort hört er: „Du musst die gleichen Aufgaben machen wie alle anderen. Wenn du fertig bist, bekommst du Zusatzaufgaben.“ Das bedeutet für ihn, sich stundenlang mit Inhalten zu beschäftigen, die ihn nicht fordern. Er übt, was er längst beherrscht. Die Folge ist nicht Faulheit, sondern Boreout – eine Form chronischer Unterforderung mit erheblichen psychischen Folgen.

Unsichtbare Barrieren: Wenn Anpassung zur Überforderung wird

Samira (Name geändert) spricht nicht und vermeidet Blickkontakt. Sie ist Autistin. Ihre Kommunikation erfolgt schriftlich – auf einem guten sprachlichen Niveau. Dennoch erhält sie in „Mitarbeit“ die Note 5, da sie sich nicht meldet und keine mündlichen Beiträge leistet.

Als sie aufgefordert wird, vor der Klasse vorzulesen, reagiert sie mit Überforderung: Sie schreit und verlässt den Raum. Der Kinderarzt empfiehlt den Eltern den Wechsel auf eine Förderschule.

Hier wird deutlich: Nicht mangelnde Fähigkeit ist das Problem, sondern ein Setting, das ihre Kommunikationsform nicht anerkennt. Die schulischen Anforderungen sind nicht barrierearm gestaltet, sondern orientieren sich an einem engen Normverständnis von „Beteiligung“.

Lebenskompetenz ohne Passung: Einseitige Leistungsmaßstäbe

Erwin (Name geändert) wurde im Alter von fünf Jahren adoptiert, nachdem er seine ersten Lebensjahre in einem rumänischen Kinderheim verbracht hatte. Er zeigt deutliche Entwicklungsverzögerungen und hat Schwierigkeiten, sich Inhalte langfristig zu merken.

Gleichzeitig verfügt er über alltagspraktische Kompetenzen: Er kann kochen, orientiert sich im Alltag und ist sozial integriert. Er wird von seinen Mitschülern akzeptiert und erlebt sich häufig als fröhlich und zugehörig.

Dennoch empfiehlt die Förderschullehrkraft den Eltern den Schulwechsel mit der Begründung, er werde „hier keinen Abschluss erreichen“. Leistung wird hier primär über kognitive Standards definiert – andere Formen von Kompetenz und Teilhabe geraten in den Hintergrund.

Veränderte Kindheit – unveränderte Schule

Kindheit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Kinder und Jugendliche sind heute anderen, oft komplexeren psychischen Belastungen ausgesetzt. Gleichzeitig haben sich diagnostische Möglichkeiten erheblich verbessert. Viele Kinder, die heute als autistisch diagnostiziert werden, galten früher als „verhaltensauffällig“ oder „geistig behindert“ und wurden häufig exkludiert.

Das Bildungssystem jedoch hat auf diese Entwicklungen nur unzureichend reagiert. Es fehlt an Personal, multiprofessionellen Teams und einer systematischen Vorbereitung auf heterogene Lerngruppen. Auch in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte bestehen weiterhin deutliche Lücken im Bereich Inklusion und Umgang mit Vielfalt.

Strukturelle Aussonderung als scheinbare Lösung

Deutschland begegnet diesen Herausforderungen häufig mit einem strukturellen Ausweichmechanismus: Für unterschiedliche Problemlagen existieren unterschiedliche Schulformen. Wenn Anforderungen zu groß erscheinen, wird der Wechsel auf eine Förderschule empfohlen – meist mit dem Hinweis auf unzureichende Ressourcen im Regelschulsystem.

Diese Logik verstärkt jedoch das Problem: Förderschulen benötigen ihrerseits erhebliche Ressourcen, die dem allgemeinen Schulsystem entzogen werden. Es entsteht ein Kreislauf der Aussonderung.

Im europäischen Vergleich gehört Deutschland weiterhin zu den Ländern mit hohen Exklusionsquoten im Bildungssystem. Inklusive Bildung wird zwar politisch bejaht, aber strukturell nur zögerlich umgesetzt.

Inklusion als Entwicklungsauftrag

Es braucht ein ehrliches und systematisches Monitoring:

  • Welche Förderschwerpunkte und spezialisierten Angebote werden aktuell noch benötigt?
  • Wo muss konsequent in ein inklusives, personell gut ausgestattetes Regelschulsystem investiert werden?
  • Wie können individuelle Potenziale besser erkannt und gefördert werden?
  • Wie kann Schule zu einem Ort werden, der soziale Teilhabe, Toleranz und demokratische Kompetenzen stärkt?

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bleibt in Deutschland fragmentarisch. Historische Traditionen selektiver Bildung sowie aktuelle bildungspolitische Entscheidungen erschweren den notwendigen Transformationsprozess zusätzlich.

Ein leistungsfähiges Bildungssystem der Zukunft wird nicht durch stärkere Selektion entstehen, sondern durch eine konsequente Öffnung für Vielfalt. Ein inklusiver Aufbruch – in Schule und Gesellschaft – ist keine pädagogische Option, sondern eine bildungspolitische Notwendigkeit.

Literaturhinweise (Auswahl)

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2022): Bildung in Deutschland. Bielefeld: wbv.
  • Boban, I.; Hinz, A. (2019): Index für Inklusion. Weinheim: Beltz.
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021): Teilhabebericht der Bundesregierung.
  • Kuhl, P.; et al. (2020): Inklusion im deutschen Schulsystem – Entwicklungen und Befunde. Münster: Waxmann.
  • Prengel, A. (2016): Pädagogik der Vielfalt. Wiesbaden: Springer VS.
  • Speck, O. (2019): Schulische Inklusion aus heilpädagogischer Sicht. München: Ernst Reinhardt.
  • UN (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK).
  • Werning, R.; Arndt, A.-K. (2021): Inklusive Schulentwicklung in Deutschland. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.