Corona-Homeschooling

Ein paar praktische Tipps für Eltern von Grundschulkindern

Die Entwicklungen rund um das Coronavirus haben uns in der vergangenen Woche regelrecht überrollt. Mit den am Freitag verfügten bundesweiten KITA- und Schulschließungen konnte vor einer Woche noch niemand rechnen. So hatten auch die Lehrkräfte kaum Zeit, um die Kinder auf häusliches Lernen vorzubereiten. Und die Eltern hatten zunächst auch ganz andere Sorgen, als eine eigene kleine „Homeschool“ einzurichten.
Am naheliegendsten ist es natürlich, jetzt die Möglichkeiten digitalen Lernens zu nutzen. Für ältere Kinder und Jugendliche, die schon versiert genug im Umgang mit Internet-Recherche und digitalen Lernformaten sind, ist das sicher auch eine sinnvolle Ergänzung. Bei jüngeren Kindern, die erst noch den richtigen Umgang mit den neuen Medien lernen müssen, reicht der Verweis auf Computer und Internet jedoch nicht aus. Sie brauchen noch mehr Anleitung und Ansprache. Außerdem müssen sie ihre Umwelt auch noch viel stärker ertasten und erkunden, beschnuppern und beäugen können, was alles eben auch den Rückgriff auf die guten, alten analogen Lernformen erfordert.
Deshalb gibt es für diese Zielgruppe an dieser Stelle ein paar Tipps, wie man mit der unerwarteten Situation umgehen kann. Natürlich bin auch ich, wie alle anderen, von der Situation überrascht worden. Die Tipps sind deshalb auch nur als grobe Orientierung gedacht, als eine Art Kompass, der dabei helfen soll, sich überhaupt erst mal auf den Weg zu machen. Und natürlich gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel! Im Zuge des Aus- und Herumprobierens werden sich eigene Lehr-Lernerfahrungen ergeben, die sich mit anderen teilen und diskutieren lassen – woraus sich am Ende ein für alle Beteiligten fruchtbarer Lernprozess ergeben kann.

Allgemeine Tipps

  1. Überfordern Sie Ihre Kinder nicht! Orientieren Sie sich an dem aktuellen Lernstoff, wie er sich aus den Empfehlungen und Lernangeboten der LehrerInnen ergibt. Die Aufgaben der Schule haben erste Priorität.
  2. Lernen Sie regelmäßig mit Ihren Kindern, ohne aber den Schulalltag zu imitieren! Machen Sie aus dem Lernen ein Spiel, und nutzen Sie das Lernpotenzial der Spiele.
  3. Legen Sie den Schwerpunkt auf das eigene Tun der Kinder! Fertigen Sie mit ihnen gemeinsam Lernspiele an, und ermuntern Sie die Kinder, dafür auch eigene Vorschläge zu machen. Die kreative Gestaltung der Lernspiele ist selbst bereits ein wichtiger Teil des Lernprozesses.
  4. Führen Sie mit Ihren Kindern ein Lerntagebuch! Kinder, die noch nicht schreiben können, können Ihre Lernerfahrungen malen, ältere Kinder können sie in kurzen Worten zusammenfassen. Lerntagebücher erleichtern es Ihren Kindern, sich die Lerngegenstände, im Wortsinn, „anzueignen“, sich also vertiefend damit auseinanderzusetzen und sie so zu einer eigenen Lernerfahrung zu machen. Für Sie selbst ist das Lerntagebuch eine Gelegenheit, Ihre „LehrerInnenrolle“ kurzzeitig abzulegen und sich anderen Dingen zu widmen.

Tipps für Lernspiele

  1. Memory/Domino: Insbesondere dort, wo es darum geht, Verbindungen zwischen Wort- oder Zahlenkombinationen auswendig zu lernen, bieten Memory und Domino spielerische Lernmöglichkeiten. Dabei wird jeweils ein Teil des Lerninhalts auf die eine Karte bzw. den einen Domino-„Stein“ und der andere Teil auf das Gegenstück geschrieben. So können leicht Rechenaufgaben oder Einmaleinsreihen, aber auch (bei älteren Kindern) geschichtliche Daten und Ereignisse rekapituliert werden.
  2. Brettspiel: Relativ leicht lässt sich auch ein Brett-Würfelspiel mit Ereigniskarten herstellen: Sobald man auf ein Ereignisfeld kommt, muss eine Karte aufgenommen und die dort notierte Frage beantwortet werden. Das Spiel kann monothematisch angelegt sein, aber auch verschiedene Sachgebiete abdecken. Diese könnten dann bei den Ereignisfeldern und -karten verschiedenfarbig markiert sein. Denkbar wäre auch, die Ereigniskarten nach Schwierigkeitsgrad zu staffeln. So könnten auch Kinder verschiedener Altersklassen an dem Spiel teilnehmen – oder es gibt Bonuspunkte, wenn man schwierigere Aufgaben löst.
  3. Die verrückte Geschichte: Hierfür werden vier Stapel mit verschiedenfarbigen Karten bereitgestellt. Jeder Kartenstapel steht für eine Wortart: Substantiv, Verb, Präposition, Adjektiv/Adverb. Reihum ziehen die Kinder von jedem Stapel je eine Karte. Daraus werden dann Sätze gebildet. Unsinnssätze sind ausdrücklich erwünscht! Alternativ können die Sätze auch von allen gemeinsam oder in Lernteams gebildet werden. Am Ende könnten die Sätze auch zu einer Geschichte verbunden und ins Lerntagebuch eingetragen werden.
  4. Werbung? Ja, bitte! Damit all die Wurfsendungen und Kataloge endlich einmal einem guten Zweck dienen, kann man sie zusammen mit den Kindern zerschneiden. Die einzelnen Bilder lassen sich dann beschriften und ins Lerntagebuch einkleben. So kann etwa der Wortschatz zu Bekleidung und Nahrungsmitteln vertieft werden.
  5. Kalender-Recycling: Alte Kalender können dafür genutzt werden, Bausteine für Geschichten zu entwickeln. Dafür werden auf dem Tisch Kalenderblätter verteilt, die als Anregung für Geschichten dienen können. Bei kleineren Kindern kann die Geschichte als Sprachmemo aufgenommen und von den Eltern verschriftlicht werden.
  6. Mit Musik geht alles besser: Die meisten Kinder sind sehr von ihren Sangeskünsten überzeugt und führen diese auch gerne vor. Dies zu fördern, ist allein schon deshalb wichtig, um der späteren Entmutigung durch pubertäre Scham und (bei den Jungen) Reibeisenstimme vorzubeugen. Darüber hinaus bieten viele Lieder aber auch weitergehende Lernpotenziale. Der Song vom guten alten „MacDonald“ und seiner Farm lässt sich etwa hervorragend für die Beschäftigung mit Haustieren und ihren Besonderheiten nutzen.
  7. Bewegtes Lernen: Auch beim improvisierten Homeschooling darf die Freude an der Bewegung natürlich nicht zu kurz kommen. Dafür können zum einen regelmäßig Fitnesspausen dazwischengeschoben werden. Zum anderen kann die Bewegung aber auch in das Lernen integriert werden. Beispiele: Ballwerfen mit Aufgabenstellungen: Wer den Ball wirft, stellt eine Aufgabe, die der Ballfänger lösen muss. Oder: Lösungshüpfen: 5 + 2 = Siebenmal Hüpfen. Da die Nachbarn wahrscheinlich weniger Spaß an solchen Bewegungsspielen haben dürften, sollte man diese nach draußen verlegen.

 
Tipps für verschiedene Sachgebiete

  1. Mathematik. Mit Hilfe eines Memorys lassen sich etwa Additionsaufgaben oder das Einmaleins üben. Dabei werden Aufgaben und Ergebnisse jeweils auf unterschiedlichen Karten notiert. Hilfreich ist es für Kinder zudem, wenn der Weg vom Konkreten zum Abstrakten erfahrbar gemacht wird, die abstrakten Zahlen also mit konkreten Mengen verbunden werden. Rechenaufgaben werden dabei etwa mit bestimmten Gegenständen aus dem Erfahrungsbereich der Kinder geübt (Legosteine, Gummibärchen, Nudeln …).Besonders wichtig ist dies für das Einüben der Zehnerüberschreitung, die für Kinder erfahrungsgemäß eine große Lernhürde darstellt. Dafür sollte zunächst mit einer Summe von genau zehn Gegenständen die Zusammensetzung der Zahl „10“ erfahrbar gemacht werden. Hierbei können die Kinder spielerisch mit den Gegenständen hantieren, sie also etwa paarweise anordnen oder nach anderen Kriterien zerlegen. Beispiel für eine darauf aufbauende Übung: Drei Kieselsteine werden unter einer Tasse und sieben unter einer anderen versteckt. Dann wird nur eine Tasse aufgedeckt. Das Kind ist der Magier, der sagen kann, wie viele „unsichtbare“ Kieselsteine sich unter der anderen, umgestülpten Tasse befinden.
    Für das Üben der Zehnerüberschreitung eignen sich besonders gut leere Zehner-Eierkartons. Nimmt man zwei davon, so wird für die Kinder einsichtig, was Zehnerüberschreitung bedeutet: Von zwölf Tischtennisbällen (Murmeln, Kieselsteinen, Wattebällchen …) passen zehn in einen Karton, für die übrigen zwei brauchen wir den nächsten Karton. Dies sollte man dann auch entsprechend notieren: Eine rote Zahl für den vollen Eierkarton, eine blaue Zahl für die Einzel-„Eier“.
    Auf dieser Basis können dann auch Rechenaufgaben mit Zehnerüberschreitung gelöst werden. 7 + 5 heißt dann: 7 + 3 füllen einen Karton (und ergeben eine rote „1“), zwei „Eier“ bleiben für den blauen Karton übrig (und ergeben eine blaue „2“). So lässt sich typischen Rechenfehlern vorbeugen wie beispielsweise: 7 + 5 = 75. Viele Kinder versuchen auch das Ergebnis an den Fingern abzuzählen und verhaspeln sich dabei, wenn sie die Zehnerüberschreitung nicht verinnerlicht haben.
  2. Deutsch: Je nach Lernstand der Kinder kann hier zunächst einmal das ABC-Wissen vertieft werden. Buchstabenkenntnisse können auch hier leicht mit Hilfe eines Memorys vertieft werden. Die aufzudeckenden Paare wären dann etwa „A“ und „Affe“, „B“ und „Birne“ usw. Zusätzlich können die einzelnen Buchstaben verschiedenfarbig gestaltet oder auch mit Krepp-Papier auf dem Boden ausgelegt und abgegangen werden, um das Gefühl für die Form zu vertiefen.
    Fortgeschrittene Lernende können auch mit Hilfe einer Anlauttabelle (Muster sind in den meisten Fibeln enthalten, lassen sich aber auch leicht im Netz finden und ausdrucken) kleinere Geschichten schreiben. Hier ist es wichtig, dass die Kreativität und der Spaß am Schreiben im Vordergrund stehen und nicht zu streng korrigiert wird. Zentrales Kriterium ist, ob die Worte entziffert werden können und einen sinnvollen Zusammenhang ergeben.
  3. „Sachunterricht“ sollte zunächst einmal heißen: Ab in den Wald, den Stadtpark, den Garten, ans Ufer des Sees … Die kleine Exkursion könnte zum einen vorbereitet werden, indem den Kindern bestimmte Suchaufgaben gegeben werden. Das können zum Beispiel Bilder einzelner Vögel sein, die dann in der freien Natur identifiziert werden sollen. Zum anderen kann aber auch einfach das genauere Hinschauen eingeübt werden, also alles, was die Aufmerksamkeit fesselt, mit Hilfe von Bestimmungsbüchern detaillierter wahrgenommen und verstanden werden. Hierbei kann man sich als Hobby-Aushilfslehrkraft natürlich auch digitale Hilfe holen. Gerade für die Vogelbestimmung gibt es da ein paar schöne Angebote. Über die App BirdNET lassen sich etwa Vogelstimmen den dazugehörigen Vogelarten zuordnen.
    Auch der Geschichtsunterricht lässt sich bei dem für die nächsten Tage angekündigten sonnigen Wetter trefflich nach draußen verlegen. Hier kann man schon einmal ein bisschen für Ostern üben. Gesucht werden dann allerdings nicht Ostereier und Schokoladenhasen, sondern alte Hünengräber, Spuren römischer Grenzanlagen oder von Ritterburgen. Manche Wege sind ja dankenswerterweise auch von engagierten Hobby-Archäologen beschriftet worden. So spricht auch noch im Wald der Geist der alten weisen Schulmeister zu uns.
    Die kleinen Exkursionen lassen sich natürlich schön fürs Lerntagebuch dokumentieren, indem die einzelnen Fundobjekte und (bei Tieren) -subjekte fotografiert und auf dem späteren Ausdruck beschriftet werden.
  4. Hauswirtschaft/Gesundheitserziehung. „Hauswirtschaft“ klingt alles andere als sexy. Die Assoziationen führen uns da ruckzuck zurück in die 1950er Jahre oder in noch tiefere Abgründe der deutschen Geschichte. Das liegt daran, dass „Hauswirtschaft“ mit der Beschränkung auf den Haushalt verknüpft wird, was wiederum mit der Bindung von Frauen an den heimischen Herd assoziiert wird. Begreift man „Hauswirtschaft“ jedoch als einen Aspekt der Gesundheitserziehung, der für Jungen und Mädchen gleichermaßen wichtig ist, so haben wir es hier mit einem zentralen Lerngebiet zu tun.
    Lernerfahrungen lassen sich dann sehr leicht durch das gemeinsame Kochen sammeln. Die verschiedenen Zutaten können dabei, je nach Lernstand der Kinder, vor der Zubereitung gemalt oder mit einem kurzen Steckbrief im Lerntagebuch „verewigt“ werden. Dabei können Herkunft der Zutaten, Nährstoffgehalt und ggf. auch soziale und ökologische Probleme bei der Ernte der Produkte thematisiert werden. Wenn die Kinder dann noch zu einzelnen Früchten oder Gemüsearten eine kleine, selbst erfundene Geschichte malen oder schreiben, lässt sich mit einer kleinen Tomate leicht ein ganzer Vormittag zubringen. Krönender Abschluss ist natürlich die gemeinsame Zubereitung der Mahlzeit – was auch „gelernt“ sein will.

Für die, die jetzt auf den Geschmack am gemeinsamen Lehren und Lernen gekommen sind, hier noch ein paar Zusatz-Tipps und Links zur weitergehenden Beschäftigung mit der Thematik:

Die Website der Wiener Volksschullehrerin M. Wegener  bietet viele Arbeitsblätter und Spielvorschläge für die Primarstufe.

Die Seite Lernwolf von Thomas Meier aus Nürnberg enthält eine Vielzahl kostenfreier Übungsblätter für Deutsch und Mathematik in der Grundschule.

Die Stiftung Haus der kleinen Forscher hat sich zum Ziel gesetzt, allen Kindern im KITA- und Grundschulalter die alltägliche Begegnung mit naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Themen zu ermöglichen. Eine von der Stiftung herausgegebene Broschüre enthält zahlreiche Spielideen mit alltäglichen Dingen wie Legosteinen zur Förderung des mathematischen Denkens: Broschuere_Mathematik_Zahlen-Zaehlen-Rechnen_01

Eine von pedocs zur Verfügung gestellte Broschüre enthält zahlreiche Tipps für Lernspiele und Übungen für Mathematik in der Grundschule: Sommerlatte, Angela; Lux, Matthia; Meiering, Gundula; Führlich, Susanne: Lerndokumentation Mathematik – Anregungsmaterialien. Berlin 2009: Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung: BE3B_Lerndokumentation_Mathematik_Anregungsmaterialien_gesamt_7.10.08_D_A

Kinderlieder zum Mitsingen: Videos mit Noten und Texten zum Ausdrucken

Bilder: Pixabay: Thomas B: Käfer; Ulrike Leone: Ostereier; Ana Zinsli: Füße; Semevent: Legosteine; Markus Spiske: Memory; Fotolia: Kids; Titelbild: Fotolia: Learning