
Aufsatz erschienen in: Jungkamp, B.; John-Ohnesorg, M. (Hrsg.): Soziale Herkunft und Bildungserfolg. Friedrich-Ebert-Stiftung. 2016
FES: Soziale Herkunft und Bildungserfolg
Bild: Dominik Woźniak * 1983: Junge

Aufsatz erschienen in: Jungkamp, B.; John-Ohnesorg, M. (Hrsg.): Soziale Herkunft und Bildungserfolg. Friedrich-Ebert-Stiftung. 2016
FES: Soziale Herkunft und Bildungserfolg

Vor ein paar Tagen ist unser lange angekündigter Kongress „Eine für alle- Die inklusive Schule für die Demokratie“ zu Ende gegangen. Es war ein spannender, lebhafter Kongress mit intensiven, zum Teil auch kontroversen Diskussionen. Es war ein Kongress der Begegnung zwischen Berufs- und Interessengruppen und KollegInnen aus den Schulen, aus der LehrerInnenbildung und den Verwaltungen.
Der Kongress war zugleich der Höhepunkt einer fast zweijährigen intensiven Zusammenarbeit mit der GGG, dem GSV, der Aktion Humane Schule, dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität, dem Verein Politik gegen Aussonderung, dem NRW-Bündnis Eine Schule für alle, der Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft sowie weiteren UnterstützerInnen. Diese Zusammenarbeit wird weitergehen.
Eine zentrale Botschaft hat Vernor Munoz zum Kongressauftakt formuliert. Inklusive Bildung als Menschenrechtsmodell sei keine bloße Organisationsform, die man dem bestehenden System einfach hinzufüge. Sie könne nicht in einem selektiven System erfüllt werden und erfordere Paradigmenwechsel in der Bildungstheorie, der Bildungspolitik und der Bildungspraxis. Dies sei die politisch einzufordernde Staatenverpflichtung.

Eine weitere zentrale Botschaft des Kongresses war, dass die Grundlage und derKompass der bildungspolitischen Weiterentwicklung die Menschen- und Kinderrechte sein müssen. Besonders Reinald Eichholz hat in seinem Abschlussplädoyer betont, dass dieser breite Ansatz nicht verloren gehen dürfe. Sonst werde Inklusion zu einem technokratischen Additiv zu den bestehenden Verhältnissen und politisch wie pädagogisch bleibe alles beim Alten. Das Bekenntnis zum uneingeschränkten Recht auf Bildung für jeden Menschen verleiht dem Kampf für bessere Rahmenbedingungen (die auch Thema der

verschiedenen Podien und Foren waren) Glaubwürdigkeit und Kraft. Haldis Holst hat aus Sicht der norwegischen Lehrergewerkschaft sehr anschaulich gemacht, wie eine Gewerkschaft ihre Werte und ethischen Prinzipien gleichsam zum „politischen Mandat“ und zur „Waffe“ im Kampf um gute Bedingungen machen kann.
Der Kongress war vom Bekenntnis zu einer „inklusiven Schule für die Demokratie“ getragen, wenn auch über die Wege dorthin – wie das Abschlusspodium zeigte – gestritten werden kann und muss. Dennoch wurde klar: es geht weiterhin „um das große Rad“, also nicht nur um Maßnahmen, sondern um eine Transformation. Dies hat nicht zuletzt – neben Munoz und Holst – der dritte Blick über den Tellerrand gezeigt: Ewald Feyerer konnte aufzeigen, dass das zweigliedrige österreichische System zwar die Segregation etwas abmildern, nicht aber die Inklusion umsetzen konnte.
Hier Informationen und ein paar Impressionen vom Kongress:
https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/inklusion-statt-selektion/
Zur Pressemeldung der veranstaltenden Verbände und zum Hintergrundmaterial „Zahlen – Daten – Fakten“ geht’s hier: Daten und Fakten
Wozu brauchen Lehrkräfte ein Berufsethos?

Das 2004 von der Bildungsinternationalen verabschiedete Berufsethos muss auch Leitlinie gewerkschaftlicher Arbeit sein. Dazu müssen Fortbildungsmodule entwickelt werden, die beitragen, das Berufsethos in den Bildungseinrichtungen zu verankern.
Beschäftigte in pädagogischen Arbeitsfeldern sind täglich mit vielen Anforderungen, emotional herausfordernden Situationen und einem großen Handlungsdruck konfrontiert. Die Ansprüche, die Politik und Gesellschaft an Lehrkräfte stellen, sind dazu noch sehr widersprüchlich: Sie sollen in einem hochselektiven, an getrennten Bildungsgängen ausgerichteten System alle Lernenden individuell fördern. Wie soll das gelingen? Vor allem erfahren viele Kolleginnen und Kollegen: Schulrechtliche Vorgaben sind oftmals mit den pädagogischen Grundüberzeugungen und Werten der GEW nicht zu vereinbaren.
Widersprüchliche Erwartungen können belastend sein. Lehrkräfte übernehmen deshalb häufig mehr oder weniger unhinterfragt Haltungen, die die selektive Struktur unseres Schulsystems vorgibt – und die sie selbst in ihrer Schulzeit kennengelernt haben. Das einzelne Kind, seine Bildungsbiografie, seine Stärken und Wünsche rücken dabei in den Hintergrund. Es geht in erster Linie um die „objektive“ Leistungsbewertung und die „richtige“ Platzierung im hierarchischen Schulsystem.
Die GEW stellt indes seit vielen Jahren das gegliederte Schulsystem infrage. Die Bildungsgewerkschaft steht für Inklusion und Teilhabe – und so auch für andere Wertorientierungen. Das Problem: In der Praxis erschweren oft mangelhafte personelle und materielle Rahmenbedingungen deren Umsetzung. Außerdem widerspricht der Inklusionsgedanke tradierten Ansichten und Routinen in unseren Schulen – und in unseren Köpfen. Damit Lehrkräfte den von Konkurrenz und Selektion geprägten Schulstrukturen wirksam entgegentreten können, bedarf es besonderer Anstrengungen. Der bekannte Inklusionspädagoge Reimer Kornmann beschreibt das als „innere Widerständigkeit“, die es zu entwickeln gilt. Reinhard Stähling, Schulleiter der inklusiven Grundschule Berg Fidel, spricht gar von „Ungehorsam im Schuldienst“.
Ethische Grundlage
Um Stärke zu zeigen, und im Interesse der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen – gegen die Logik des Selektionssystems – handeln zu können, braucht unsere Profession eine ethische Grundlage. Am 2004 von der Bildungsinternationalen (BI), der weltweiten Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften und Lehrerverbände, verabschiedeten Berufsethos kann sie sich orientieren. Es vereint drei Perspektiven:
Das BI-Manifest verbindet demnach individuelle, kollektive und gewerkschaftliche Selbstverpflichtungen. Denn es reicht nicht, wenn einzelne Lehrkräfte ihre Tätigkeit nach ethischen Grundsätzen ausrichten. Diese können nur dann in einer Einrichtung wirksam und tragfähig sein, wenn sie vom gesamten Kollegium geteilt und gelebt werden. Zu einem verbindlichen Berufsethos gehören also auch kollegiales Miteinander und professionelle Teamarbeit.
Kein Luxus
Was folgt daraus? Das Berufsethos muss auch Leitlinie gewerkschaftlicher Arbeit sein. Im GEW-Kontext meint dies: Das uneingeschränkte Bekenntnis zu den allgemeinen Menschen- und Kinderrechten sowie zu den UN-Antidiskriminierungskonventionen sollte die Grundlage unseres professionellen Handelns sein. Nach diesem Wertekanon beurteilen wir Schulgesetze, organisatorische Regelungen, Strukturen und Rahmenbedingungen (Personalschlüssel, Unterrichtsverpflichtung, materielle Bedingungen …). Auf diese Weise helfen wir als Gewerkschaft mit, die Profession weiterzuentwickeln.
Pädagogische und gewerkschaftliche Arbeit ethisch zu verorten, ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, denn:
Auftrag einlösen
In diesem Sinn ist auch der Beschluss des Gewerkschaftstages 2013 als Auftrag an die Mitglieder zu verstehen: „Die GEW koordiniert einen Diskussionsprozess zur Vertiefung und Weiterentwicklung des professionellen Selbstverständnisses der Lehrerinnen und Lehrer, der Pädagoginnen und Pädagogen und anderer im Bildungsbereich Beschäftigter. Ziel ist, ein gemeinsames Verständnis für die Rechte und Pflichten, Aufgaben, Einstellungen und Haltungen in einem inklusiven diskriminierungsfreien Bildungssystem zu erarbeiten.“
Dieser Auftrag ist noch einzulösen. Er ist Ansporn, mit den Kolleginnen und Kollegen gemeinsam Fortbildungsmodule zu entwickeln, die dazu beitragen, das Berufsethos der BI in den Bildungseinrichtungen zu verankern und sowohl Lehrkräfte in ihrer Profession als auch Schulentwicklungen zu unterstützen. Was wir brauchen, ist eine lebendige Diskussion über die ethischen Grundsätze sowohl pädagogischer als auch gewerkschaftlicher Arbeit.
Schule und Gesellschaft lassen sich nur mit mutigen Lehrkräften verändern, die wissen, wofür sie stehen. Sie sollten nicht nützliche „Rädchen im Getriebe“ sein, sondern mündige und kritische Bürgerinnen und Bürger heranbilden: Menschen, die in der Lage sind, Verantwortung für eine friedensfähige, demokratische und nachhaltige Gesellschaft zu übernehmen.
erschienen in: Erziehung und Wissenschaft 7/8 2016 Artikel auf gew.de
Überlegungen anlässlich der Sitzung des Trade Union Advisory Commitees der OECD in Paris am 3. und 4. Mai 2016Was ist das Ziel von Bildung? – Bei dieser Frage kommen viele Menschen ins Grübeln. Die Antworten derer, denen sofort etwas dazu einfällt, gehen indes oftmals auseinander.
Ein ganz großer Player in Bildungsfragen – zumindest unter den reicheren Industrieländern – ist die OECD. Die OECD definiert Bildungsziele, gibt Hinweise, verfasst umfangreiche Studien. Ihrer Bildungsabteilung, in der mehr als 100 WissenschaftlerInnen beschäftigt sind, haben wir durchaus positive Impulse zu verdanken. So wurde der Glaube an die Sinnhaftigkeit des gegliederten Schulsystems in Deutschland von den diversen Studien der OECD immer wieder erschüttert. Auch die TALIS-Studie, die sich mit den Einschätzungen der Lehrkräfte beschäftigt, liefert wichtige Erkenntnisse zur Arbeitszufriedenheit.
Dennoch beschleicht mich immer wieder Unbehagen, wenn ich den ReferentInnen der OECD zuhöre. Auch wenn sie
vermeintlich das Gleiche sagen, meinen sie doch etwas anderes: So wird in einer neuen Studie mit dem Titel „Social emotional Skills“ die Bedeutung sozialen Lernens betont. Während Gewerkschaften und ReformpädagogInnen die Bedeutung sozialen Lernens mit dem Lernen von Toleranz, Demokratie und Frieden begründen, besteht die Bedeutung für die OECD darin, dass das Vorhandensein sozialer Kompetenzen die Produktivität der ArbeitnehmerInnen und damit den Profit steigert. Dementsprechend unterscheiden sich auch die empfohlenen Maßnahmen, um die Sozialkompetenz zu steigern: Während engagierte Lehrkräfte eine entsprechende Schulkultur, Klassenräte und Streitschlichter sowie einen wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander für maßgeblich halten, setzt die OECD auf Tests und Sozialtraining für diejenigen, die im Test versagt haben.
Ähnlich verhält es sich, wenn von Chancengerechtigkeit die Rede ist. Für engagierte Lehrkräfte und Gewerkschaften geht es hierbei um das umfassende Menschenrecht auf Bildung und den Abbau von sozialen Spaltungen. Für die OECD geht es um das Ausschöpfen des Humankapitals. Wenn die Humankapitalhypothese bei der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im Mittelpunkt steht, was ist dann mit dem Bildungsrecht all derjenigen, die aufgrund schwerster Beeinträchtigungen keinen „Mehrwert“ erzielen können? Bedeutet dies nicht in letzter Konsequenz, dass ihnen das Recht auf Bildung abgesprochen wird?
Ist das Ziel von Bildung nicht umfassende gesellschaftliche Teilhabe, Persönlichkeitsentwicklung und Demokratie? – Das mögen politisch aufgeklärte Menschen so sehen. In einem neueren Papier der OECD wird die Schaffung von „well functioning adults“ al
s Bildungsziel genannt – gut funktionierende Rädchen im Wirtschaftsgetriebe, die nicht unnötig herumgrübeln und flexibel einsetzbar sind. Aber sollten engagierte Lehrerinnen und Lehrer angesichts der verheerenden ökologischen und sozialen Folgen eines reibungslos funktionierenden Kapitalismus nicht eher Sand in das kapitalistische Getriebe streuen?
Am 2. April fand im schönen Rostock der erste Gymnasialtag der GEW Mecklenburg-Vorpommern statt: Eine gut organisierte Tagung in angenehmer Umgebung. Die KollegInnen diskutierten engagiert über Rahmenbedingungen und die Weiterentwicklung der gymnasialen Bildung.
Die Entstehung des Gymnasiums im 19.Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen den Emazipationsbestrebungen des Bürgertums und der weiterhin bestehenden Ständegesellschaft, wirkt bis heute nach. Es ist also Zeit für eine Weiterentwicklung. Deshalb wurde ausgiebig über Abitur im eigenen Takt und Inklusion beraten.
Es hat sehr viel Freude gemacht, mit den kreativen und engagierten Kolleg
Innen zu diskutieren. Sie sind bereit, die gymnasiale Bildung weiterzuentwickeln. In meinem Workshop zu „Inklusion und Migration als Herausforderung auch für die Gymnasien?“ war die „Behaltenskultur“ das zentrale Thema: Alle Kinder, die an das Gymnasium kommen, sind dort richtig und werden dort optimal gebildet. Die KollegInnen entwickelten Ideen dazu: Sprachpatensysteme, mehr Projektunterricht, Peer Tutoring, Kollegiale Kooperation; Entwicklung einer Behaltenskultur ….Ein Kollege brachte es auf den Punkt: „Wir müssen nicht mehr, sondern vieles anders machen!“

Nikolaus im Kindergarten. Drei Mädchen sitzen um einen Gruppentisch und knabbern an ihren Schokoladennikoläusen. Sagt ein Mädchen zu den beiden anderen: „Ihr wisst aber schon, dass der Nikolaus tot ist? Der wäre ja jetzt schon 900 Jahre alt!“
Schweigendes Gemampfe. Dann ergänzt die Nachbarin: „Und das Christkind ist auch schon tot. Das war nämlich der Jesus – und den haben sie ja ans Kreuz genagelt.“
Schlussfolgerung der Dritten im Bunde: „Der Nikolaus ist tot, das Christkind ist tot … Wenn ich’s mir recht überlege, lebt eigentlich nur noch der Osterhase.“


Drei Sachverständige waren vom Parlamentarischen Beirat Nachhaltigkeit ins Paul-Löbe-Haus geladen, Statements zu BNE abzugeben und sich den Fragen der Abgeordneten und der Gäste zu stellen.
Die geladenen Expertinnen waren:

Thomas Hohn, bei Greenpeace für Bildung zuständig und Sprecher des Bündnisses Zukunftsbildung.,
Frau Dr. Dorn, beim Arbeitgeberverband für Bildung zuständig,
und ich, Ilka Hoffmann von der GEW
Klar wurde in der Diskussion, dass es schwer sein wird, Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Bildungsplänen und strukturell in den Institutionen zu verankern. Es waren nicht allzu viele Menschen zur Anhörung gekommen. Die, die da waren, waren höchst interessiert und engagiert. Und das ist typisch für BNE: Die Umsetzung wird getragen von engagierten Einzelpersonen, Institutionen und Organisationen. In der Breite ist das Thema leider noch nicht angekommen. Es gibt noch viel zu tun, die Welt nachhaltiger, ökologischer, friedlicher und sozial gerechter zu gestalten.
Pressebericht des Bundestages:
Gemeinsame Tagung der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW, des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma und der Gesellschaft für Antiziganismusforschung am 3.März 2016
Gestalten und Bilder in Kinderbüchern prägen das Bild von Ethnien und Personengruppen nachhaltig, da sie die kindliche Phantasie in besonderer Weise ansprechen, so Prof. Dr. Wilhelm Solms (Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung). Diese Feststellung war Anlass für eine gemeinsame Tagung der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW, des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma und der Gesellschaft für Antiziganismusforschung.
Besonders interessant war es für mich, Romani Rose, den langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, einmal persönlich kennenzulernen und seine Gedanken und Ansichten zum Thema zu hören. Er musste immer wieder erfahren, dass bei allen Diskussionen über den Holocaust oder auch über Diskriminierungen die Sinti und Roma übergangen werden. Dabei sei das Grundgesetz eine wunderbare Grundlage für eine diskriminierungsfreie, demokratische Gesellschaft. Man müsse es nur ernst nehmen und gewissenhaft umsetzen. Die Diskriminierung von Sinti und Roma sei indes so gravierend, dass nicht wenige ihre ethnische Zugehörigkeit verleugneten.
Dies passt zu einer Anekdote, die Ute Wolters von der AJuM erzählte: Ein erst kürzlich prämiertes Jugendbuch (Kevin Brooks: The Road oft he Dead) enthält negative und klischeehafte Stereotypen über Roma. In einem Interview darauf angesprochen, bemerkte der Autor, Roma seien die einzige Ethnie, die man in einem Buch noch negativ darstellen dürfe, ohne dass man als politisch inkorrekt gebrandmarkt würde.
Auch Wolfdietrich Schnurres beliebtes und in den Schulen viel gelesene Geschichte „Jöno war mein Freund“ wartet mit den üblichen Klischees des raffinierten, ungewaschenen und stehlenden Zigeunerjungen auf. Dies konterkariert auch die kritische Intention des Buches (Jönos Familie wird am Ende nach Ausschwitz deportiert). Prof. Solms las in seinem interessanten Vortrag über Antiziganismus aus einer Lehrerhandreichung vor: Der Roman beschönige nichts und zeichne ein realistisches Bild der Roma. Die Kunst des Lehrers bestehe nun darin, Mitgefühl bei den Schülern für Jönos Familie zu wecken, auch wenn diese eine typische Roma-Familie sei.
Diese Beispiele zeigen einmal mehr, wie notwendig es ist, gerade in Bezug auf Sinti und Roma gegen Stereotypien zu kämpfen. Alle waren sich einig, dass reine Sprachkosmetik und die Änderung von Begriffen in Kinderbüchern absolut nichts bringen, da sie nichts an den verinnerlichten Bildern ändern.
Auch die Musikerin Dotschy Reinhard, die im Rahmen der Tagung auftrat, sprengt die üblichen Klischees, indem sie sich nicht auf die übliche „Gypsie-Musik“ reduzieren lässt. Sie ist vielmehr in verschiedenen Genres, u.a. im Jazz, unterwegs. Dotschy Reinhardt ist stolz, eine Sintezza zu sein, möchte aber nicht in ein Stereotyp gepresst werden. Für mich ist sie eine großartige Musikerin, die rausfällt aus dem oft recht langweiligen Mainstream.
Dotschy Reinhardt: Girls like me
Der sechste ISTP fand dieses Mal in Berlin statt. Delegationen aus verschiedenen OECD-Staaten waren der Einladung von Kultusministerkonferenz (KMK), OECD, Bildungsinternationale (EI), GEW und VBE gefolgt. Mehrere Tage wurde gemeinsam über die Weiterentwicklung des Lehrerberufs diskutiert.
Auffallend war, dass das Verhältnis zwischen Bildungsgewerkschaften und Regierung in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich war. In manchen Ländern – etwa in Finnland, Estland, Neuseeland oder der Schweiz – ist es sehr gut und kollegial. In anderen, beispielsweise in Polen, ist es eher angespannt.
Interessant und bereichernd an einem solchen Summit ist natürlich immer der Austausch mit KollegInnen aus anderen Ländern

Ich habe mich dieses Mal intensiv mit der Delegation aus Singapur ausgetauscht: Bildungsminister, Janil Puthucheary (links), und der Gewerkschaftspräsident, Mike Thiruman (rechts). In diesem Land, das nicht gerade durch Liberalität und Demokratie glänzt, genießen Lehrkräfte weitreichende Freiheiten und das Vertrauen der Regierung. Nur 10 bis 12 Arbeitsstunden der Lehrkraft sind fest für den Klassenunterricht eingeplant. Der Rest kann für Kleingruppenarbeit, Einzelförderung, Eltern-/SchülerInnenberatung, Projekte oder AGs genutzt werden.
Auch unsere polnischen KollegInnen waren da: Dorota Obidniak (links) und Slavomir
Broniarz (rechts). Slavomir hielt die aus meiner Sicht beeindruckendste Rede.
Während sich die meisten Wortbeiträge um die Verbesserung der Kompetenzen der Lehrkräfte und die passenden Maßnahmen dazu drehten, betonte Slavomir, dass es gerade in der heutigen Zeit, die von Krieg, Rassismus und der Verantwortungslosigkeit von Regierenden und Wirtschaft in einem globalisierten Neoliberalismus geprägt sei, einer ethischen Verortung des Lehrerberufs bedürfe. Es reiche nicht aus, Bildung als öffentliches Gut zu proklamieren. Denn über die Beschränkung von Zugängen zu bestimmten Bildungsgängen und die Verbreitung bestimmter Ideologien würden so oft unter der Hand einzelne gesellschaftliche Gruppen privilegiert. Wissen und Kompetenzen seien nicht dazu da, den „größten Teil der Torte“ zu ergattern. Stattdessen sollten sie die Einzelnen dazu befähigen, die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen, um eine bessere Welt zu schaffen. Nur in einer demokratischen Gesellschaft gebe es auch demokratische Schulen. Und nur demokratische Schulen stünden für eine humane Bildung. Wenn SchülerInnnen und Lehrkräfte gemeinsam „Flüchtlinge raus“ riefen, laufe etwas falsch im Staat und im Bildungssystem.
Es war die einzige Rede, die in dieser Diskussionsrunde einen längeren Applaus erhielt. Die polnischen Regierungsvertreter saßen ziemlich versteinert daneben.
Ich denke, dass uns Slavomirs Rede in Bezug auf die Entwicklung unserer Profession in Deutschland zu denken geben sollte. Auch wir haben ein Problem mit zunehmendem Rassismus an den Schulen. Wirkungsvoll können diesem nur Lehrkräfte entgegentreten, die ihre Tätigkeit an einem demokratischen und menschenrechtsbasierten Berufsethos ausrichten.
Pressemitteilung von KMK, VBE und GEW

Gibt es einen Unterschied zwischen Begabungsförderung und Begabtenförderung? Es scheint so. Dies fanden jedenfalls die ReferentInnen dieser Tagung. Während die von Konservativen betriebene Begabtenförderung die separate und besondere Förderung von vorher mittels Intelligenz ausgelesenen „Hochbegabten“ meint, geht Begabungsförderung davon aus, dass jedes Kind potenziell begabt ist. Die Entstehung von Begabung wird als ein Prozess gesehen, der durch „gute“ Schulen gefördert werden kann. Dies war der Tenor, der sich sowohl aus zahlreichen Einzelstatements als auch aus den zentralen Vorträgen des Hamburger Bildungssenators Ties Rabe und des Erziehungswissenschaftlers vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF), Eckehard Klieme, ergab.
Als die geeignete Struktur zur Förderung eines so verstandenen Begabungskonzepts wurde die inklusive Schule angesehen. Sie gewährleistet nach allgemeiner Einschätzung der TeilnehmerInnen, dass die einzelnen Kinder entsprechend ihren Begabungen gefördert werden und soziale Benachteiligung gemindert werden kann. Dies klingt progressiv – aber impliziert der Begabungsbegriff nicht immer auch eine Grenze der Förderung? Trotz der prozessorientierten Definition des Begabungskonzepts liegt diesem doch entweder die Annahme angeborener „Gaben“ oder – im Falle des transitiven Gebrauchs des Begriffs (jmd. „begaben“) – ein paternalistischer Ansatz zugrunde.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, mit welchen Begrifflichkeiten wir eine Pädagogik beschreiben können, die nicht von den Defiziten der Kinder ausgeht, sondern sich nach den Stärken und Möglichkeiten eines jeden Kindes ausrichtet. Auch beim Versuch, ihn progressiv umzudeuten, besteht die Gefahr, dass der Begabungsbegriff eine imaginäre Grenze zieht, die manche Kinder als „nicht beschulbar“ – bzw. als „nicht mit geistigen Gaben beglückbar“ („nicht begabbar“) – von der Förderung ausschließt.
Sinnvoller als der Versuch, den konservativen Begabungsbegriff sozialverträglich umzudeuten, erscheint mir eine Bezugnahme auf Lew Wygotskis Konzept der „nächsten Entwicklung“. Dieses geht davon aus, dass Kinder dann geistig wachsen, wenn Lernen von dem ausgeht, was sie schon alleine und ohne Hilfe leisten können und ihnen im Dialog mit anderen das angeboten wird, was darüber hinausgeht. Jedes Kind sollte also stets die Möglichkeit erhalten und dabei unterstützt werden, die nach seinem individuellen Lernstand nächste Zone der individuellen Entwicklung zu erreichen. In einem solchen Umfeld kann jedes Kind geistig, emotional und kulturell wachsen, ohne dass eine Begabungsgrenze gezogen wird.
Gedanken aus der Praxis: Der Käferexperte
Literatur:
Wygotski, Lev S. (1932-34/2005). Das Problem der Altersstufen. In: Ausgewählte Schriften (S. 53-90). Band 2. Herausgegeben von Joachim Lompscher. Berlin
Menschen und Organisationen in Entwicklung
Dr. Sandra von Siebenthal
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