Überlegungen anlässlich der Sitzung des Trade Union Advisory Commitees der OECD in Paris am 3. und 4. Mai 2016
Was ist das Ziel von Bildung? – Bei dieser Frage kommen viele Menschen ins Grübeln. Die Antworten derer, denen sofort etwas dazu einfällt, gehen indes oftmals auseinander.
Ein ganz großer Player in Bildungsfragen – zumindest unter den reicheren Industrieländern – ist die OECD. Die OECD definiert Bildungsziele, gibt Hinweise, verfasst umfangreiche Studien. Ihrer Bildungsabteilung, in der mehr als 100 WissenschaftlerInnen beschäftigt sind, haben wir durchaus positive Impulse zu verdanken. So wurde der Glaube an die Sinnhaftigkeit des gegliederten Schulsystems in Deutschland von den diversen Studien der OECD immer wieder erschüttert. Auch die TALIS-Studie, die sich mit den Einschätzungen der Lehrkräfte beschäftigt, liefert wichtige Erkenntnisse zur Arbeitszufriedenheit.
Dennoch beschleicht mich immer wieder Unbehagen, wenn ich den ReferentInnen der OECD zuhöre. Auch wenn sie
vermeintlich das Gleiche sagen, meinen sie doch etwas anderes: So wird in einer neuen Studie mit dem Titel „Social emotional Skills“ die Bedeutung sozialen Lernens betont. Während Gewerkschaften und ReformpädagogInnen die Bedeutung sozialen Lernens mit dem Lernen von Toleranz, Demokratie und Frieden begründen, besteht die Bedeutung für die OECD darin, dass das Vorhandensein sozialer Kompetenzen die Produktivität der ArbeitnehmerInnen und damit den Profit steigert. Dementsprechend unterscheiden sich auch die empfohlenen Maßnahmen, um die Sozialkompetenz zu steigern: Während engagierte Lehrkräfte eine entsprechende Schulkultur, Klassenräte und Streitschlichter sowie einen wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander für maßgeblich halten, setzt die OECD auf Tests und Sozialtraining für diejenigen, die im Test versagt haben.
Ähnlich verhält es sich, wenn von Chancengerechtigkeit die Rede ist. Für engagierte Lehrkräfte und Gewerkschaften geht es hierbei um das umfassende Menschenrecht auf Bildung und den Abbau von sozialen Spaltungen. Für die OECD geht es um das Ausschöpfen des Humankapitals. Wenn die Humankapitalhypothese bei der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im Mittelpunkt steht, was ist dann mit dem Bildungsrecht all derjenigen, die aufgrund schwerster Beeinträchtigungen keinen „Mehrwert“ erzielen können? Bedeutet dies nicht in letzter Konsequenz, dass ihnen das Recht auf Bildung abgesprochen wird?
Ist das Ziel von Bildung nicht umfassende gesellschaftliche Teilhabe, Persönlichkeitsentwicklung und Demokratie? – Das mögen politisch aufgeklärte Menschen so sehen. In einem neueren Papier der OECD wird die Schaffung von „well functioning adults“ al
s Bildungsziel genannt – gut funktionierende Rädchen im Wirtschaftsgetriebe, die nicht unnötig herumgrübeln und flexibel einsetzbar sind. Aber sollten engagierte Lehrerinnen und Lehrer angesichts der verheerenden ökologischen und sozialen Folgen eines reibungslos funktionierenden Kapitalismus nicht eher Sand in das kapitalistische Getriebe streuen?
Am 2. April fand im schönen Rostock der erste Gymnasialtag der GEW Mecklenburg-Vorpommern statt: Eine gut organisierte Tagung in angenehmer Umgebung. Die KollegInnen diskutierten engagiert über Rahmenbedingungen und die Weiterentwicklung der gymnasialen Bildung.
Innen zu diskutieren. Sie sind bereit, die gymnasiale Bildung weiterzuentwickeln. In meinem Workshop zu „Inklusion und Migration als Herausforderung auch für die Gymnasien?“ war die „Behaltenskultur“ das zentrale Thema: Alle Kinder, die an das Gymnasium kommen, sind dort richtig und werden dort optimal gebildet. Die KollegInnen entwickelten Ideen dazu: Sprachpatensysteme, mehr Projektunterricht, Peer Tutoring, Kollegiale Kooperation; Entwicklung einer Behaltenskultur ….Ein Kollege brachte es auf den Punkt: „Wir müssen nicht mehr, sondern vieles anders machen!“





Besonders interessant war es für mich, Romani Rose, den langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, einmal persönlich kennenzulernen und seine Gedanken und Ansichten zum Thema zu hören. Er musste immer wieder erfahren, dass bei allen Diskussionen über den Holocaust oder auch über Diskriminierungen die Sinti und Roma übergangen werden. Dabei sei das Grundgesetz eine wunderbare Grundlage für eine diskriminierungsfreie, demokratische Gesellschaft. Man müsse es nur ernst nehmen und gewissenhaft umsetzen. Die Diskriminierung von Sinti und Roma sei indes so gravierend, dass nicht wenige ihre ethnische Zugehörigkeit verleugneten.
Auch die Musikerin Dotschy Reinhard, die im Rahmen der Tagung auftrat, sprengt die üblichen Klischees, indem sie sich nicht auf die übliche „Gypsie-Musik“ reduzieren lässt. Sie ist vielmehr in verschiedenen Genres, u.a. im Jazz, unterwegs. Dotschy Reinhardt ist stolz, eine Sintezza zu sein, möchte aber nicht in ein Stereotyp gepresst werden. Für mich ist sie eine großartige Musikerin, die rausfällt aus dem oft recht langweiligen Mainstream.
Broniarz (rechts). Slavomir hielt die aus meiner Sicht beeindruckendste Rede.
PD über „Begabung“ in Mainz. Ich muss an Florian denken, den kleinen Käferspezialisten, den ich einmal an einer Grundschule unterrichtet habe. Käfer waren Florians ganze Leidenschaft. Wann immer seine Eltern ihm etwas Gutes tun wollten, zerrte er sie in eine Buchhandlung und suchte sich dort ein Buch über Käfer aus.
Wiedersehensfreude: GEW-Finanzchefin Petra Grundmann (ganz links) und Ulrike Bahr von der SPD (MdB, Zweite von links) waren in den 1990er Jahren gemeinsam für die bayerische GEW aktiv. Beim Parlamentarischen Abend der GEW zum Thema „Bildung in der Migrationsgesellschaft“ haben sie sich an eine große KITA-Tagung erinnert, die sie damals zusammen in Augsburg organisiert hatten.
zahlreiche Materialien ausliegen. Eine GEW-Arbeitsgruppe hat mittlerweile auch Unterrichtsmaterialien zum Thema „Flucht und Asyl“ ausgearbeitet.Die beiden Damen auf dem Foto sind allerdings nur vor Pegida in die Messehalle geflohen.

