Ein mitfühlender Kämpfer für eine bessere Welt-Zum Tod von Peter Balnis

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Peter Balnis wird fehlen, wo auch immer er unterwegs war. Ich erinnere mich an unzählige gemeinsame Sitzungen, Tagungen, Demos … Er war ein Ruhepol in einer hektischen Welt voller  Eitelkeiten und aufgeregter Wichtigkeit.
Typisch für meine Begegnungen mit Peter ist eine Begebenheit vom Herbst letzten Jahres, als sich der Koordinierungsvorstand der GEW am Bodensee getroffen hat. Angesichts der schlechten Zugverbindungen vom Saarland aus beschlossen Peter und ich, mit dem Auto zu fahren. Die Autobahnen waren überfüllt, also schlug Peter vor, „auf gut Glück“ durch den Schwarzwald zu fahren. Das Ergebnis war, dass wir in dichtem Nebel in einem kroatischen Restaurant in einem Dorf landeten, dessen Ortsschild nicht zu lesen war. Ähnlich abenteuerlich verliefen unsere Fahrten zu den Vorstandsklausuren der saarländischen GEW im französischen La Petite Pierre, die häufig auch mit einer ungeplanten Landschaftserkundung begannen. Diese verlängerten Fahrten waren stets eine geistige Bereicherung, da es kein Thema gab, über das sich Peter nicht seine eigenen Gedanken gemacht hatte.
Es ist natürlich nicht so, dass Peter keine Straßenkarten oder Navis kannte. Ich denke eher, dass er auch im Alltag immer das Abenteuer gesucht hat. So hat er als Sozialpädagoge an der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen einen Schüleraustausch mit dem russischen Tscherkessk organisiert – eine Aktivität, die sicher mit viel Mühe und Unwägbarkeiten verbunden war, ihn aber, wie er immer wieder versichert hat, persönlich bereichert hat.
Dies zeigt, dass Peters Abenteuerlust keineswegs mit mangelnder Ernsthaftigkeit einherging. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir eines Abends nach einer GEW-Tagung zusammen an der Bar saßen und sein Handy klingelte. Es war eine Schülerin, die Probleme hatte. Peter hörte ihr geduldig zu. Stets hatte er ein offenes Ohr für die Jugendlichen, wusste Rat in schwierigen Situationen, konnte vermitteln und Wege weisen.
Dieses diplomatische Geschick ist ihm auch bei seiner Arbeit für die GEW zugutegekommen. Ich denke hierbei etwa an seine Aktivitäten in der Friedenspolitik, wo er in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und Organisationen die Abschaffung des Kooperationsvertrags des Bildungsministeriums mit der Bundeswehr durchgesetzt hat, sein Engagement gegen den Rassismus, das ihn in der Aktion „Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage“ mitarbeiten ließ, und nicht zuletzt an seinen unermüdlichen Kampf für bessere Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Bildungsbereich. Er hat die Zeitschrift Erziehung und Wissenschaft im Saarland von einem Mitteilungsblatt zu einem fundierten Diskussionsforum umgeformt.
Bei alledem fand er stets auch Zeit für das Musizieren mit den SchülerInnen und nicht zuletzt mit seiner Band Liedstöckel. Die Arbeiter- und Revolutionslieder, die er dabei gesungen hat, bezeugen die utopische Kraft, an der er sein Handeln ausgerichtet hat. Auf zahlreichen Veranstaltungen hat er anderen diese Kraft vermittelt. Es wird uns schwerfallen, darauf verzichten zu müssen.

Entgegnung zu „Das Abitur erledigt sich von selbst“ von Christoph Türcke in der Süddeutschen Zeitung vom 10. Februar 2016

Artikel Süddeutsche

Sollten Philosophen, die Schulen nur aus ihrer eigenen Pennäler-Zeit vor Jahrzehnten kennen, über Unterricht und Schulentwicklung schreiben? – Diese Frage lässt sich nach dem Lesen des Artikels von Christoph Türcke mit einem klaren Nein beantworten.
Hier schreibt sich nun nach Clemens Knobloch auf den „Nachdenkseiten“ mal wieder ein pseudolinker Gelehrter seinen ganzen bürgerlichen Frust von der Seele: Schließlich besteht die Gefahr, dass die eigenen akademisch erzogenen Kinder (oder Enkelkinder) plötzlich mit Kindern aus niedrigen sozialen Schichten, fremden Kulturen oder gar mit Kindern mit einer Behinderung zusammen lernen müssen. Hinzu kommt noch die Gefahr, dass man auf dem Olymp der Elite plötzlich von hergelaufenen Billigabiturienten aus der Arbeiterklasse bedrängt werden könnte, die womöglich die deutsche Rechtschreibung, dieses Heiligtum des deutschen Bildungsbürgertums, nur unzureichend beherrschen. Kritische erziehungswissenschaftliche Literatur, wie sie seit vielen Jahrzehnten als Kritik zur „Paukschule“ und zum Ständeschulsystem verfasst wurden, muss man meiden wie der Teufel das Weihwasser. Dort finden sich einfach zu viele Gedanken, die den selbsternannten deutschen Geistesadel vom hohen Ross stürzen könnten. Das alles kann man natürlich als „Linker“ nicht so offen schreiben. Schließlich ist man ja theoretisch für soziale Gerechtigkeit, Bildung für alle und sogar Demokratie.
Um den Schein des kritischen und „linken“ Bewusstseins zu wahren, werden im Artikel von Christoph Türcke erzreaktionäre Argumente gegen die Aufhebung des gegliederten Schulsystems und gegen die Inklusion mit Elogen gegen den „Neoliberalismus“ verrührt. Das Ganze ist weder logisch fundiert noch reflektiert (oder gar mit historischen und erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert).
Man hat den Eindruck, der Autor habe die letzten Jahre unter einer Glasglocke gelebt und all die Diskussionen um soziale Benachteiligungen, ungleiche Verteilung von Reichtum und der Umsetzung von Teilhaberrechten seien spurlos an ihm vorbeigezogen. Es ist auch schon ziemlich anmaßend, sich ein Urteil über den Schriftspracherwerb zu erlauben, wenn man sich weder praktisch noch wissenschaftlich jemals damit beschäftigt hat.
Mit dem Schlusssatz des Artikels kann ich als langjährige Lehrerin an einer inklusiven Gemeinschaftsschule rein gar nichts anfangen: Zu uns kamen alle Kinder und Jugendlichen gerne und freiwillig, niemand wurde eingesperrt. Während an der Förderschule Lernen über 70% die Schule ohne Abschluss verlassen, haben Jugendliche mit der gleichen Diagnose bei uns zu nahezu 100% einen regulären Abschluss erreicht. Alle konnten optimal gebildet und gefördert werden. Dies ist eine Frage des Schul- und Unterrichtskonzepts. Leider gibt der Autor nur Alltagstheorien von sich, wie man sie auch an dem ein oder anderen Stammtisch zu hören bekommt. Von Unterricht und Schule hat er genauso viel Ahnung wie jeder beliebige Mensch auf der Straße, der auch mal eine Schule besucht hat.
Man fragt sich ernsthaft, warum er in der Süddeutschen Zeitung eine solche Bühne geboten bekommt. Wie war es möglich, dass diese Alltagtheorien auch noch einen Verlag gefunden haben?
Die Antwort ist wohl: Die Fachjournalisten und Fachlektoren, die auch noch etwas von den Themen verstehen und einen solchen Text beurteilen könnten, werden rar. Niemand, der sich eingehend mit Bildungsfragen beschäftigt hat, wird Christoph Türcke in dieser Frage ernstnehmen. Eigentlich peinlich sowohl für die Süddeutsche als auch für den Verlag. Da es aber genug Leute gibt, die meinen, jeder könnte etwas Substantielles zur Schule sagen, weil er mal eine besucht hat, werden seine Bücher genug Leser finden – zumal er den deutschen Mainstream perfekt bedient. Es geht ja schließlich nicht um differenzierte, fundierte Erkenntnisse, sondern um den Marktkonformismus. Wobei wir mal wieder beim Neoliberalismus wären. Diesmal aber wirklich!

OECD (Paris): Social-emotional-Skills

500 Jahre nach Comenius entdeckt auch die OECD, dass Lernen sich nicht nur auf kognitives Lernen beziehen kann.
Die Bedeutung sozialen Lernens wird nun in den Fokus gerückt. Sozial-emotionales Lernen wird allerdings nicht als Beitrag zur Toleranz, zur Demokratie und zum Frieden gesehen, sondern in seiner Funktion für das wirtschaftliche und soziale Weiterkommen: Sozial gebildete Menschen machen bessere Abschlüsse, fügen sich besser im Betrieb ein und neigen eher zum Ehrenamt.

Bei der Aufstellung Aufstellung sozial-emotionaler Fähigkeiten wurde deutlich: Dies sind Fähigkeiten, die sich jeder Personalchef eines Unternehmens von seinen MitarbeiterInnen wünscht.

Wie diese Fähigkeiten gemessen werden sollen, ist noch nicht ganz klar. Angedacht ist eine Mischung aus geleiteter Beobachtung, standardisierter Testverfahren, Befragung und Selbstauskunft. Es soll auch untersucht werden, welche Monitoring-Prozesse in Schulen zu diesem Thema ablaufen. Als empfehlenswert werden Berichte zu den emotional-sozialen Entwicklungsfortschritten gesehen: eine Ausweitung der so genannten „Kopfnoten“ also.
Als Intervention ist an die Entwicklung von Trainingsprogrammen gedacht. Die Themen Schulleben, Schulklima, pädagogische Beziehung und Gefühl der Zugehörigkeit spielen keine Rolle
Gefahren: Zum einen könnten die Bildungswissenschaften dazu tendieren wieder mehr zum „medizinischen Modell“ der Erklärung von sozialen Anpassungsproblemen zurückzukehren und systemische Ansätze (die auch einen sozialpolitischen Ansatzpunkt bieten) zu Gunsten individualisieren¬der Sichtweisen zurückzustellen. Zum anderen wird die Bedeutung eines inklusiven Schulle¬bens, der Teilhabe und der Vermittlung von Selbstwirksamkeit für die Lernprozesse und das soziale Miteinander zugunsten additiver Trainingsprogramme ausgeblendet.
Die Einbeziehung des sozial-emotionalen Bereichs mag für die OECD ein Fortschritt sein; für die Schulen sowie die Bildungswissenschaften (insbesondere für die Schulpädagogik und die Sonderpädagogik) ist dieser technokratisch-additive Zugang ein großer Rückschritt.

 

 

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Tarifpolitik, Bildungspolitik …

Was ist eine Bildungsgewerkschaft? – Warum ist sie mehr als eine Standesorganisation? und: Warum brauchen wir ein Berufsethos? Diesen Fragen bin ich in einem Artikel im Journal für LehrerInnenbildung nachgegangen:

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Deutschland: Tarifpolitik, Bildungspolitik, Lehrerpolitik

Begabung und Intelligenz als Konstrukte zur Legitimierung sozialer Ungleichheit

In den letzten Jahren hat es im Bildungsbereich einige Entwicklungen in Richtung auf kompensatorische, soziale Ungleichheit überwindende Strukturen gegeben. So wurden in mehreren Bundesländern Schulformen etabliert, die in ihrer Organisationsstruktur an die integrierten Gesamtschulen angelehnt sind. Außerdem hat die UN-Behindertenrechtskonvention die Diskussion um Inklusion und damit auch die Debatte über eine Schule für alle neu belebt.
Als gegenläufige Entwicklung hierzu ist die Hochkonjunktur der Förderung so genannter „Hochbegabter“ zu sehen. Das Gerechtigkeitsproblem des deutschen Bildungswesens wird schlicht geleugnet, stattdessen wird unterstellt, dass die durch das Bildungssystem produzierte Benachteiligung nicht mehr sozial unterprivilegierte Kinder, sondern die geistige Elite der „Hochbegabten“ treffe, die unter der angeblichen Gleichmacherei des Bildungssystems litten.
In meinem Text gehe ich auch auf die Irrationalität des Begabungsbegriffs ein:

Begabung und Intelligenz